Nonnenfels

Jäger der Nacht - Fledermäuse im Steinbruch

  • Abb. 1: Braunes Langohr (Plecotus auritus) auf einem Ast
    Abb. 1: Braunes Langohr (Plecotus auritus) auf einem Ast
  • Abb. 2: Blick auf den Steinbruch Nonnenfels. In der Bildmitte befindet sich die Abraumhalde mit dem Winterquartier.
    Abb. 2: Blick auf den Steinbruch Nonnenfels. In der Bildmitte befindet sich die Abraumhalde mit dem Winterquartier.

Die meisten denken beim Thema „Lebensraum Steinbruch“ an seltene Amphibienarten wie die Gelbbauchunke und die Wechselkröte. Oder auch an besonders angepasste Vogelarten wie den imposanten Uhu oder den farbenfrohen Bienenfresser sowie an botanische Extremstandorte wie Schotterrasen und Felsfluren. Es gibt aber eine weitere Tiergruppe, die sich in Steinbrüchen sehr wohl fühlt: die Fledermäuse.

Die starke Variation im Mikroklima führt zu einem hohen Insektenreichtum im Steinbruch. Durch die warmen Luftströmungen fliegen viele Insekten am Abend durch die Luft und bieten Jägern des offenen Luftraumes ideale Nahrungsgrundlagen.

Aufgrund der verborgenen Lebensweise bekommt man Fledermäuse in Steinbrüchen nur selten zu Gesicht. Nur gelegentlich kann man eine jagende Fledermaus in der Abenddämmerung an der Felswand beobachten, bevor sie wieder in der Dunkelheit verschwindet.

Bedrohte Fledermausarten

Abb. 3: Einbau der Betonröhre

In Deutschland sind 25 Fledermausarten heimisch. Die meisten von ihnen gelten in ihrem Bestand als bedroht und werden folglich in den bundes- und landesweiten Roten Listen geführt. Viele Arten benötigen spezielle Lebensräume mit ganz bestimmten Eigenschaften an Strukturen und Bedingungen, die in heutiger Zeit zum Teil selten geworden sind. Als besonders bedeutsame Lebensräume gelten grundsätzlich alt- und totholzreiche Wälder, gewässerreiche Auenwälder sowie strukturreiche Wiesen- und Heckenlandschaften. Ein Teil der Fledermausarten ist ganzjährig an den Wald gebunden. Zahlreiche andere Arten hingegen wohnen in der Nähe des Menschen in Kirchtürmen, auf Dachböden oder hinter Wandfassaden, wo sie auch ihre Jungtiere bekommen. In strukturreichen Steinbrüchen finden sowohl Arten der Siedlungen als auch Waldbewohner geeignete Teillebensräume.

Abb. 4: Lage des unterirdischen Winterquartiers für Fledermäuse am Rande einer Abraumhalde
Abb. 5: Baggerarbeiten am Winterquartier
Abb. 6: An der Decke befestigte „Fledermausbetten“ aus Poroton-Hohlblockziegel

Mit einer Körperlänge von ca. 5 cm gehört die Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus) zu den Kleinsten ihrer Gruppe. Sie wiegt mit 3 bis 7 g gerade mal so viel wie ein Stück Schokolade. Die Zwergfledermaus ist die häufigste Fledermausart in Deutschland und bewohnt kleinste Spalten und Nischen in und an Gebäuden. Im Gegensatz ist die größte heimische Fledermausart mit einer Flügelspannweite von 32 bis 40 cm der Große Abendsegler. Er gehört zu den wandernden Fledermausarten. Sie legen dabei bis zu 1.600 Kilometer zurück, um ihre Überwinterungsquartiere zu erreichen. Andere Arten wie das Braune Langohr (Plecotus auritus) sind sehr ortstreu und überwintern in der Nähe ihrer Sommerlebensräume.

Während den Männchen zumeist kleine Quartiere ausreichen, benötigen die Weibchen im Sommer größere Verstecke, um ihre Jungen zu gebären. Zumeist schließen sich mehrere Mütter einer Population zusammen und bilden eine sogenannte Wochenstubengesellschaft aus bis zu mehreren Hundert Tieren. Nachts schwärmen sie in die umliegenden Nahrungsgebiete ab und kommen mehrmals in der Nacht zurück, um ihre daheimgebliebenen Jungtiere zu säugen. Nach der Auflösung der Wochenstuben im Spätsommer und Herbst treffen sich die Männchen und Weibchen in sogenannten Balzquartieren zur Paarung.

Abb. 7: Fertiggestellter Eingang des Winterquartiers für Fledermäuse

Alle Fledermäuse sind gut an die Bedingungen der Nacht angepasst. Sie orientieren sich zielgerichtet auch bei vollständiger Dunkelheit mithilfe von Ultraschallrufen durch Wälder, Siedlungen und den freien Luftraum. Dabei können sie sogar kleinste Insekten problemlos orten und fangen, die ihnen als Nahrungsgrundlage dienen. Neben Nachtfaltern, Spinnen, Käfern und Fliegen vertilgen manche Arten auch zahlreiche Mücken. Eine Fledermaus kann pro Nacht mehrere Tausend Insekten fangen. Daher haben naturnahe, blüten- und insektenreiche Lebensräume eine herausragende Bedeutung für Fledermäuse.

In den kälteren Wintermonaten gibt es nur noch wenig Nahrung für die Fledermäuse. Daher müssen sie diese Jahreszeit in frostsicheren Verstecken überwintern. Einige Fledermausarten z. B. der Große Abendsegler (Nyctalus noctula) überwintert u. a. in Baumhöhlen groß dimensionierter Altbäume. Andere Arten bevorzugen unterirdische Quartiere, in denen konstant tiefe Temperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit herrschen. Neben natürlichen Höhlen dienen auch Stollen ehemaliger Bergwerke, Burgen mit ihren meterdicken Mauern, stillgelegte Eisenbahntunnel oder alte Bunkeranlagen als Winterquartiere. In den bedeutendsten deutschen Winterquartieren kommen so jedes Jahr jeweils über 10.000 Fledermäuse zusammen.

Abb. 8: Blick in das Winterquartier

Bau eines Winterquartiers für Fledermäuse

Abb. 9: Skizze des Winterquartiers

Im Zuge der Steinbrucherweiterung im rheinlandpfälzischen Tagebau „Nonnenfels“ westlich der Stadt Kirchheimbolanden musste ein altes Gebäude abgerissen werden. In den Kellerräumen befanden sich geeignete Strukturen für eine Überwinterung von Fledermäusen. In offengelassen Steinbrüchen können die Felswände als Quartiere genutzt werden. In aktiven Steinbrüchen mit den regelmäßigen Sprengungen sind derartige Strukturen noch nicht als Quartierraum für Fledermäuse geeignet. Als Ersatz für das entfallende Gebäude wurde im Herbst 2018 ein Winterquartier für Fledermäuse in einer Außenhalde eingebaut (Abb. 2 & Abb. 4).

Als Hauptkammer dient eine rund 10 m lange Betonröhre. Die Hinterwand wurde aus Lehmziegeln so vermauert, dass aus der Halde ankommendes Regenwasser in die Röhre hindurchsickern kann (Abb. 8). So wird die hohe Luftfeuchtigkeit von über 90 % gewährleistet, die für Fledermäuse im Winterquartier von entscheidender Bedeutung ist. Während des Winterschlafes fahren sie ihren Körper herunter, sodass sich Herzschlag und Stoffwechsel stark verlangsamen. Da die Tiere in dieser Zeit nicht fressen und trinken, bestünde bei zu geringer Luftfeuchtigkeit die Gefahr, insbesondere über die große Oberfläche ihrer Flügel auszutrocknen.

Geeignete Hangplätze und Spalten wurden an der Decke der Betonröhre platziert. Hierfür wurden Poroton-Blockziegel (sogenannte „Fledermausbetten“) mit unterschiedlichen Lochgrößen mittels Eisenträgern befestigt (Abb. 6). Die Poroton-Blockziegel werden auf der Oberseite mit Platten aus Porenbeton verschlossen, so kann für jede Fledermausgröße die passende zugfreie Schlafkammer bereitgestellt werden. Poroton-Blockziegel haben die Eigenschaft, Feuchtigkeit aufzunehmen und bilden ein Mikroklima, das den artspezifischen Ansprüchen der Fledermäuse entspricht.

Abb. 10: Braunes Langohr (Plecotus auritus) auf einem Ast
Abb. 11: Steinbruchkante im Steinbruch Nonnenfels als strukturreicher Lebensraum auch für Fledermäuse
Abb. 12: Netzfang

Der Boden wurde mit einem Gemisch aus Sand und Ziegelbruch versehen, das das einsickernde Wasser innerhalb der Röhre verteilt und kontinuierlich bis zu Sättigung der Luft verdunsten kann. Stehende Wasserpfützen auf dem Betonfußboden sind im Gegensatz nicht so effektiv, weil die Oberflächenspannung der Wasseroberfläche die Verdunstung stark herabsetzt. Zusätzlich besitzt der Sand eine trittschalldämpfende Wirkung, so können Störungen bei winterlichen Kontrollen minimiert werden. Der Eingangsbereich wurde gemauert und mit einer Kontrolltür aus Stahl versehen (Abb. 7), um Störungen durch Mensch und Tier zu unterbinden. Es kann nämlich für die im Winterschlaf befindlichen Fledermäuse tödlich enden, wenn sie durch Störungen zu früh geweckt werden. Im oberen Bereich der Tür wurde eine Einflugöffnung für Fledermäuse freigelassen. Unter der Eingangstür befindet sich ein Spalt, durch den überschüssiges Regenwasser abfließen kann. Außerdem können hierdurch auch Amphibien ins Innere gelangen und die kalte Jahreszeit überdauern.

Abb. 13: Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) im Flug

In der Regel dauert es ein paar Jahre, bis die ersten Fledermäuse neu geschaffene Winterquartiere annehmen. Erfahrungsgemäß besiedeln Braune Langohren neu entstandene Quartiere als erstes. Es folgen dann nach weiteren Jahren Arten wie die Zwergfledermaus, Breitflügelfledermaus (Eptesicus serotinus), Kleine Bartfledermaus (Myotis mystacinus) oder die Wasserfledermaus (Myotis daubentonii). Um die Erst- und Folgebesiedlung dokumentieren zu können, werden jährlich winterliche Kontrollen durchgeführt.

Neben den Besatzkontrollen wird der Eingangsbereich von Bäumen und Sträuchern freigehalten, um einen ungestörten Einflug in das Quartier zu ermöglichen.

Um die Vorkommen in der Umgebung zusätzlich zu fördern, wurden zahlreiche künstliche Fledermausquartiere in den umliegenden Waldbeständen aufgehängt. Dazu gehören runde Kästen, die Baumhöhlen imitieren sowie wie flache Kästen, die Spalten bewohnende Arten gerne besiedeln (Abb. 14).

Abb. 14: Braunes Langohr (Plecotus auritus) im Flug

Steinbruch: Jagdrevier, Quartier & Massenschwärmplatz

Abb. 15: Aufgehängter Flachkasten im angrenzenden Waldbestand

Vom Frühjahr bis in den Herbst nutzen die Tiere den Steinbruch bei ihrer Jagd auf Insekten. Regelmäßig sind hier die Arten Kleiner Abendsegler (Nyctalus leisleri), Großer Abendsegler und die Breitflügelfledermaus anzutreffen (Abb. 11). Darüber hinaus werden die Felswände in offengelassenen Steinbrüchen mit ihren Rissen, Spalten, Höhlen, Geröll- und Schuttflächen sowohl als Sommer- als auch Winterquartier genutzt.

Im Herbst dienen derartige Abbruchkanten gelegentlich als Massenschwärmplätze bei der Balz und zur Partnerfindung. Nicht selten kommt es hier zu Ansammlungen von mehreren Hundert Tieren.

Eingebettet in das großräumige Waldgebiet Donnersberg ist der Steinbruch Nonnenfels auch für waldbewohnende Arten interessant. So kommen in den angrenzenden Wäldern unter anderem das Braune Langohr, die Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii) oder das Große Mausohr (Myotis myotis) vor. Das Braune Langohr jagt gerne entlang der Waldränder und in Sukzessionsbeständen auf Abraumhalden oberhalb des Steinbruchs. Das Große Mausohr, normalerweise jagend in unterholzfreien Buchenwäldern, ergänzt seine Jagdhabitate in den Sommermonaten regelmäßig im Offenland und jagt auch über Wiesen und blütenreichen Magerrasen. Somit gehört der Steinbruch Nonnenfels zum Aktionsraum der individuenstarken Wochenstubenkolonie im rund 10 km entfernten Rockenhausen. Die in den umliegenden Waldbeständen nachgewiesene ortstreue Bechsteinfledermaus überwintert mit Einzeltieren in einigen Stollen rd. 10 km südlich des Steinbruchs. Es bleibt abzuwarten, ob sie bald in dem neu geschaffenen Winterquartier ein neues Zuhause finden wird.

Abb. 16: Luftbild Nonnenfels

Wissenswertes

Der Steinbruch Nonnenfels wurde seit 2017 als Erweiterungsgebiet des Steinbruches Eisensteiner Kopf der Basalt AG aufgeschlossen.

Umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen wurden im engen und konstruktiven Austausch mit der unteren und oberen Naturschutzbehörde sowie den großen Naturschutzverbänden im Vorfeld abgestimmt und im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens festgelegt.

Unter anderem:

  • Schaffung eines Systems von Klein- und Kleinstgewässern für Pionieramphibien
  • Anlage von Magerrasen-Flächen
  • Umsetzung von Eidechsenvorkommen
  • Bau eines Überwinterungs-Stollens für Fledermäuse

Letztere Maßnahme wird als Leuchtturm- Projekt vom Projekt-begleitenden Planungsbüro vorgestellt.

Der Autor

Gunnar Hanebeck

geb. 1979, Dipl. Biologe bei IUS Weibel & Ness. Studierte in Kiel Biologie mit den Schwerpunkten Ökologie, Zoologie und Landschaftsplanung. Ist seit 2007 beim Institut für Umweltstudien Weibel & Ness GmbH (IUS) beschäftigt. Landschaftspflegerische Fachplanungen für Abbaustätten zählen zu den Kernaufgaben des Unternehmens. Thematische Schwerpunkte liegen in den Bereichen Fledermäuse und Vögel.

 

 

Literatur

IUS: Abb. 1–15

Dr. W. Platzek: Abb. 16