Weiershagen

Das Naturschutzgebiet STEINBRUCH WEIERSHAGEN – Kohlmeier Bruch

  • Sohlen- und Felsbereiche (Foto: BSO)
    Sohlen- und Felsbereiche (Foto: BSO)
  • Eichen- und Eichen-Birkenwälder mit reicher Krautschicht (Foto: BSO)
    Eichen- und Eichen-Birkenwälder mit reicher Krautschicht (Foto: BSO)
  • Mauereidechse (Podarcis muralis) (Foto: Herhaus)
    Mauereidechse (Podarcis muralis) (Foto: Herhaus)

Grauwackeregion Bergisches Land

Das Bergische Land war schon immer reich an Steinen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die als Grauwacke abgebauten Steinvorkommen nur lokal und kleinflächig für den Eigenbedarf genutzt, so z. B. für Grundmauern von Häusern oder Dorfeinfriedungen („Schweinemauer“). 

Mit Beginn des Eisenbahnbaus gegen Ende des 19. Jahrhunderts, dem damit einhergehenden erhöhten Bedarf an Schottermaterial und den besseren Transportbedingungen stieg der Bedarf an Steinmaterial rapide an (Brinkmann und Müller-Miny 1964, Faulenbach 1950). Die Steinindustrie im Bergischen Land, einem der größten zusammenhängenden Gebiete mit devonischen Sandstein-Vorkommen (Grauwacke), konnte sich so zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig entwickeln. Die typische oberbergische Grauwacke, die hier abgebaut wurde, stammt aus den Mühlenberg-Schichten des Mittel-Devons. Ihr Ausgangsmaterial wurde vor rund 360 Millionen Jahren von Flüssen in das flache Meer gespült, das sich im Bereich des heutigen Bergischen Landes befand, und lagerte sich hier zu mächtigen Schichten ab. So gehört die Grauwacke wie andere Sandsteine zu den sog. Sedimentgesteinen.

Geschichte des Steinbruchs

Historische Ansicht um 1930 (Foto: BAG)
Ansicht um 2010 (Foto: BSO)

Die Anfangsjahre des Kohlmeier-Bruchs sind gegen Ende des 19. Jahrhunderts anzusiedeln. 1911 nahm die erste Brecheranlage ihren Betrieb auf, nachdem zuvor erfolglos versucht worden war, auf der gegenüberliegenden Talseite Gestein abzubauen. Wegen der hangabwärts geneigten Gesteinsschichten misslang dieses Unterfangen und man wechselte an den Hömelskopf. 1927 errichtete der Betrieb das heute noch vorhandene Betongebäude der Brecheranlage, nachdem der aus Fachwerk bestehende Vorgängerbau abgebrannt war. Aus der Brecheranlage erfolgte die Verladung der Steinprodukte direkt auf die unterhalb verlaufende Wiehltalbahn, die für den Steinbruch ein wesentlicher Standortfaktor war (Gries und Nicke 2002). 

Steinbrucharbeit war damals überwiegend Handarbeit. Zwar wurden in Weiershagen schon seit 1898 elektrisch gezündete Sprengungen eingesetzt, aber die Arbeit der „Stößer“, die die gewonnenen Felsbrocken mit Presslufthammern vorzerkleinerten, und der „Kipper“, die Pflastersteine im Handbehau herstellten, war hart. 1966 schließlich wurde der Steinbruchbetrieb eingestellt und damit der Grauwacke-Abbau in Weiershagen beendet. Noch heute lassen sich Überreste vieler baulicher Anlagen im Gelände finden. Neben dem denkmalgeschützten Brechergebäude sind die Auffahrrampen zu den oberen Bermen, die Wegeunterführungen und die Grundmauern von Maschinenhäusern zu erkennen. Das Gelände wurde 2002 aufgrund seiner offenen Felsstrukturen und Haldenbereiche - Heimat einer artenreichen und teilweise seltenen Pflanzen- und Tierwelt - unter Naturschutz gestellt.

Das heutige Steinbruchgelände

Der Steinbruch Weiershagen liegt bei Wiehl (Oberbergischer Kreis, NRW) im Mündungsbereich der Wiehl in das Aggertal. Zwischen Talniveau (148 m über NN) und Böschungsoberkante im Steinbruch (263 m über NN) ergibt sich eine Höhendifferenz von etwa 115 m. Das Gelände umfasst eine Fläche von 14,4 ha. Dabei ist die gesamte Hangseite nach Südwes­ten exponiert, was eine optimale Besonnung gewährleistet. Im unteren Bereich des Gebietes stützt eine alte Bruchsteinmauer den Hang ab, oberhalb finden sich ausgedehnte Haldenbereiche und Hangwälder. Das eigentliche Steinbruchgelände ist geprägt von steil aufragenden Felswänden und drei übereinanderliegenden, unterschiedlich großen Abbau-Sohlen. Im nördlichen Bereich des Gebietes findet sich zudem ein kurzer Stollengang. Die Böden des NSG sind fast überall stark durch die Abbautätigkeit beeinflusst. Vorherrschend sind nackte, felsige Abschnitte, ehemalige befestigte Fahrwege und Bermen sowie Block- und Schutthalden ohne nennenswerte Humusauflagen. Lediglich an den oberen Rändern der Abbruchkanten und in den Randzonen finden sich intakte natürliche Böden, vornehmlich flachgründige Parabraunerden. Die südwestliche Ausrichtung sowie die nährstoffarmen felsigen Rohböden, Fels- und Geröllbereiche bieten ideale Voraussetzungen für die Ansiedelung einer wärmeliebenden Pflanzen- und Tierwelt.

Aus Stockausschlag entstandener Hangwald (Foto: BSO)

Vielfältige Lebensräume

Hangschuttfächer (Foto: BSO)

• Hangschuttfächer
An der unteren Geländekante zu Füßen der Felswände haben sich zahlreiche Hangschuttfächer gebildet. Diese sind auch heute noch durch Verwitterung, Rutschungen und nachbrechende Felsen in ständiger Bewegung, so dass eine Bodenbildung und Besiedelung durch Pflanzen weitgehend unterbleibt. Oft sind hier nur Flechten auf den Steinen anzutreffen. Von den Rändern her erobern verschiedene Brombeer-Arten und Pioniergehölze wie Birken und Kiefern die kargen Lebensräume. 

• Felsen und Mauern
Die steilen Felswände sind ebenfalls weitgehend vegetationsfrei. In Spalten und Ritzen siedeln sich Birken und Kiefern an, in beschatteten, feuchten Bereichen und auf der Bruchsteinmauer am unteren Rand des Gebietes findet sich der Braunstielige Streifenfarn.

• Sohlen
Während die umgebenen Felsabschnitte nur zögerlich von der Vegetation erobert werden, bieten die ebenen Sohlen einer  Vielzahl von Pflanzenarten einen Lebensraum. Auf einem harten Fels oder Schottergrund konnte sich aufgrund der fehlenden Neigung eine geringe Mullauflage entwickeln, die Pflanzenwachstum ermöglicht. In Weiershagen wachsen hier vor allem Pflanzenarten des Magergrünlandes wie Wiesen-Kammgras, Ruchgras und verschiedene Habichtskräuter. Aufkommende Gehölze werden durch die Biologische Station bei Pflegeeingriffen entfernt.

• umgebende Waldflächen
Die zum NSG gehörenden Waldflächen sind sehr abwechslungsreich. Auf den trocken-warmen südwest­exponierten Standorten stocken ca. 50-100-jährige Eichen- und Eichen-Birkenwälder mit reicher Krautschicht. Die Stammformen lassen teilweise auf eine Entstehung der heutigen Bestände aus Niederwäldern schließen. Auf den Blockschutthalden und Bermen im Süden und Westen des Gebietes wachsen Laub- und Laub-Nadel-Mischwälder mit Eiche, Kiefer, Buche und vereinzelt Fichte. Auf einem Teilabschnitt des unteren Schutthanges wurde das Thema Niederwald aufgegriffen und durch einen Kahlschlag des vormals mit Eichen bestandenen Hanges die Entwicklung eines neuen Niederwaldes durch Stockaustrieb initiiert. Die Stockaustriebe sind jetzt ca. fünf Jahre alt und werden in etwa zehn Jahren erneut geerntet. So kann sich auf dieser Fläche ein Niederwald mit seiner großen Struktur- und Artenvielfalt entwickeln.

Braunstieliger Streifenfarn (Foto: BSO)

Pflanzenwelt

Durch das räumlich enge nebeneinander unterschiedlichster Standorte reicht die Vegetationsausbildung des Steinbruchs von nahezu vegetationslosen, nur mit einigen Moosen oder Flechten bewachsenen Stellen bis hin zu mehrschichtigen Sukzessions-Waldbeständen. Neben der Heterogenität der Kleinstandorte entstehen auch durch die Dynamik des Gesteins ständig neue Wuchsplätze, während alte vergehen. 

• Golddistel
Für viele Pflanzenarten hat sich der südexponierte Steinbruch wegen seiner günstigen klimatischen Verhältnisse als besonderes Refugium erwiesen. So findet sich hier beispielsweise die Golddistel. Mit ihr beherbergt der Steinbruch Weiershagen eine echte botanische Besonderheit, denn es ist einer der wenigen bekannten Standorte im Oberbergischen Kreis (Galunder 1990). Ihre goldgelben Blüten sind auch im Winter noch zu finden, da die trockenen Stängel bis ins Frühjahr hinein stehen bleiben.

• Breitblättrige Stendelwurz
In von Gehölzen beschatteten Waldflächen wächst der Breitblättrige Stendelwurz. Diese unauffällige Pflanze, die weißlich bis grünlich blüht, war 2006 zur Orchidee des Jahres ernannt worden und ist im Steinbruch noch recht häufig anzutreffen.

• Braunstieliger Streifenfarn
Diese kleine Farnpflanze mit den bis zu 30 cm langen Wedeln wächst in alten Mauerspalten und schattigen Felsnischen des Naturschutzgebietes. Sind solche Strukturen vorhanden, ist der Streifenfarn ein typischer Bewohner der Steinbrüche des Bergischen Landes. 

• Mauerraute
Die Mauerraute ist eine kleine Farnpflanze mit ähnlichen Vorlieben wie der Braunstielige Streifenfarn. Sie hat keine typischen Farnwedel sondern 2- bis 3-fach gefiederte Blätter. Im Steinbruch Weiershagen findet sich die Mauerraute vor allem in den Mörtelfugen der Mauerreste, da sie kalkhaltige Standorte bevorzugt.

Tierwelt des Steinbruchs

Gelbwürfelige Dickkopffalter (Carterocephalus palaemon) (Foto: Herhaus)
Mauereidechse (Podarcis muralis) (Foto: Herhaus)

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich der Uhu im Bergischen Land wieder ausgebreitet. So hat der Charaktervogel der bergischen Steinbrüche im Kohlmeier-Bruch eines der ersten Reviere während der Wiederbesiedlung besetzt. Grund dafür sind die unzugänglichen Steilwände und damit gut geschützte, störungsarme Brutplätze. Seit mehr als zehn Jahren brütet der Uhu hier mehr oder weniger regelmäßig. Obwohl im Bergischen Land viele Strommasten abgesichert sind, kommen immer wieder Uhus durch Stromschlag zu Tode.

In dem wärmebegünstigen Steinbruchkessel sind auch drei erwähnenswerte Reptilienarten zu finden. Die Vorkommen der Schlingnatter (Coronella austriaca) konzentrieren sich im Oberbergischen Kreis vor allem auf das Agger- und das Wiehltal (Karthaus 1998). Damit liegt der kurz vor der Mündung der Wiehl in die Agger gelegene Steinbruch in einem der Hauptvorkommensgebiete der Schlingnatter. Der Steinbruch bietet mit seinem abwechslungsreichen Angebot an intensiv besonnten, vegetationsfreien Bereichen auf den Sohlen, den als Versteck dienenden Steinhaufen und Hangschuttfächern sowie den vorhandenen Gehölzstrukturen ideale Lebensbedingungen für die Art. Das Bergische Land weist keine Kreuzotter-Vorkommen auf. Von der Bevölkerung wird allerdings immer wieder von derartigen Funden berichtet. Hierbei dürfte es sich in allen Fällen um die Schlingnatter gehandelt haben.

Die Zauneidechse (Lacerta agilis) kommt ebenfalls im Agger- und Wiehltal insbesondere entlang der Bahntrassen vor, ist aber im Kohlmeier-Bruch offensichtlich in den vergangenen Jahren seltener geworden. Ein Grund könnte in einem individuenstarken Vorkommen der Mauereidechse (Podarcis muralis) liegen, das möglicherweise zur Verdrängung der Zauneidechse geführt hat. Die Mauereidechse wurde vor über zehn Jahren vermutlich von Terrarianern nicht nur im hier betrachteten Steinbruch ausgesetzt. Eine genetische Untersuchung ergab, dass es sich um eine ostfranzösische Herkunftslinie handelt. Mauereidechsen der ostfranzösischen Linie werden heute einheitlich der Unterart „brongniardii“ zugeordnet (Schulte et al. 2011).

Hinsichtlich der Schmetterlingsfauna weist der Steinbruch ähnliche Artengemeinschaften wie der Steinbruch Morkepütz auf (Herhaus o.J.). Erwähnenswert ist das Auftreten des im Bergischen Land vergleichsweise selten vorkommenden Mauerfuchses (Lasiommata megera). Die Art bevorzugt strukturreiche und besonnte Lebensräume mit Gräsern zur Eiablage, Mauern oder Felsbereichen und offenen Bodenstellen. Ebenso selten findet sich der Gelbwürfelige Dickkopffalter (Carterocephalus palaemon) in der „Normallandschaft“. Erkennbar ist die Art an den orangebraunen Flecken auf einem dunklen Untergrund. Auch seine Raupe ernährt sich von verschiedenen Gräsern. Sie hält sich gerne an strukturreichen Säumen auf. Solche Strukturen aus Gehölzen, Offenflächen und vergrasten Abschnitten kommen auch im Steinbruch Kohlmeier vor.

Naturschutzbedeutung des Steinbruchs

Das Naturschutzgebiet Steinbruch Weiershagen bietet im atlantisch geprägten Oberbergischen Land einen Lebensraum für xero- und thermophile Tierarten. Innerhalb der Fauna ist vor allem durch das reiche Blütenangebot, die Strukturvielfalt und die Trockenheit ein verstärktes Auftreten von gefährdeten Arten zu verzeichnen.

Ausschlaggebend für die Unterschutzstellung des Gebietes war vor allem der große Strukturreichtum des Steinbruches mit seinen typischen Lebensräumen, Pflanzen- und Tierarten. Der Steinbruch dient als Trittsteinbiotop für Arten, die in Lebensräumen mit ähnlicher Struktur und Artenzusammensetzung vorkommen. 

Schließlich bleibt festzuhalten, dass der Steinbruch für viele Arten, die in der umgebenden Kulturlandschaft stark zurückgedrängt wurden, ein Rückzugsgebiet darstellt und dadurch ihr Überleben gesichert werden kann. Gleichzeitig dient er als Ausbreitungszentrum und muss mit ähnlich strukturierten Biotopen im Zusammenhang betrachtet werden. Um diese Bedeutung zu erhalten, werden in Kooperation zwischen der Basalt AG und der Biologischen Station Oberberg regelmäßig Pflegemaßnahmen durchgeführt.

Naturschutzmaßnahmen

Baggereinsatz zum Abziehen des Oberbodens (Foto: BSO)
Zukünftige Niederwaldbereiche (Foto: BSO)

Die Pflegemaßnahmen in Weiershagen haben den Erhalt der vielfältigen Strukturen des alten Steinbruches zum Ziel. In ers­ter Linie fällt darunter die Offenhaltung der Sohlen als Magergrünland und Rohbodenstandort. Die Offenhaltung erfolgt durch regelmäßige Entbuschung und Mahd der Grünlandbereiche. Seit 2015 wird die unterste Sohle durch die Wanderschafherde der Biologischen Station beweidet. Diese Maßnahmen erfolgen in Abstimmung und guter Zusammenarbeit mit dem Eigentümer Basalt AG.

2008 wurde der Oberboden auf der untersten Sohle mit einem Bagger abgezogen und zu Wällen in den Eingangsbereichen aufgesetzt. Damit wurde die Entwicklung hin zum Rohbodenstandort und Magerrasen initiiert. Die Erdwälle sorgen zudem für eine spürbare Beruhigung des zentralen Steinbruchbereiches.

In Zukunft wird zudem der Entwicklung des Niederwaldes auf dem unteren Hangabschnitt eine große Rolle zukommen, um diese historische und ökologisch interessante Waldnutzungsform wieder zu etablieren.

 

Gewidmet dem Heimatforscher, Lehrer und exzellenten Kenner des Steinbruchs, Dr. Herbert Nicke, * 5. Oktober 1952 in Bensberg; † 21. September 2016 in Wiehl

Die Autoren

Frank Herhaus, Diplom-Ökologe, Diplom-Forstingenieur 

Geboren 1966, studierte in Göttingen Forstwirtschaft und in Essen Ökologie. Seit 1992 ist er Leiter der Biologischen Station Oberberg und seit 2012 auch der Biologischen Station Rhein-Berg. 

Christoph Weitkemper, Dipl.Ing. Forstwirtschaft (FH) 

Geboren 1978, Studium der Forstwirtschaft an der Fachhochschule in Göttingen. Seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Biologischen Station Oberberg.

Standort