Stöffel-Park

Wandel eines Basaltabbaugebietes zur Kulturlandschaft

  • Übersichtsaufnahme des Abbaugebietes Stöffel (Foto: BAG)
    Übersichtsaufnahme des Abbaugebietes Stöffel (Foto: BAG)
  • Blick in das Innere der Historischen Werkstatt (Foto: m3-baukunst)
    Blick in das Innere der Historischen Werkstatt (Foto: m3-baukunst)

Im Westerwald entsteht seit wenigen Jahren ein (geo-)touristisches Zentrum in einem größtenteils noch aktiven Basalt-Steinbruchgelände, das in der Bundesrepublik Deutschland seinesgleichen sucht. In einmaliger Kombination präsentiert es Denkmäler der Natur und Industriekultur im sogenannten „Stöffel-Park“. Der Park, obwohl noch lange nicht fertiggestellt, zog bereits in seinem ersten Betriebsjahr rund 20.000 Besucher an.

Mehr als 100 Jahre währt jetzt der Basaltabbau am Stöffel, auf den Gemarkungen der Gemeinden Enspel, Nistertal und Stockum-Püschen, in der Nähe des Kurortes Bad Marienberg gelegen. Mit rund 140 ha Ausdehnung zählt der Stöffel zu den größten geschlossenen Basaltvorkommen des Westerwaldes. Der Stöffel-Basalt wird heute alleine von der Basalt AG/Linz abgebaut.

Einzigartiges Zeugnis der Erdgeschichte

Auditorium Basaltbühne (Foto: M. Peter)

Zu internationaler Berühmtheit, zumindest in Kreisen der Geowissenschaften, gelangte der Stöffel durch außergewöhnlich gut erhaltene Versteinerungen von Pflanzen und Tieren (Fossilien), die aus einer Zeit vor rund 25 Millionen Jahren (Erdzeitalter Oberoligozän) stammen.Damals lag der gesamte Westerwald nur knapp 50 m über dem Meeresspiegel. Zahlreiche Vulkane und weitläufige Fluss- und Seenlandschaften prägten den Westerwald. Immer wieder kam es lokal zu verheerenden Vul­­­kan­ausbrüchen; Glutwolkenablagerungen bedeckten im­mer wieder viele Quadratkilometer Land.

Basaltische Lavaströme wälzten sich die Täler entlang. Vereinzelt kam es auch zu besonders heftigen Eruptionen, aufsteigendes vulkanisches Magma reagierte in mehr als hundert Meter Tiefe mit Grundwasser. Sogenannte (phreatomagmatische) Wasserdampf-explosionen ließen vulkanische Aschen bis in 20 km Höhe aufsteigen. Die Einsturztrichter über diesen Explosionskammern wurden zu Maaren. Eines davon liegt unterhalb des Stöffel-Basaltes.

Die Historische Werkstatt nach der Stilllegung des Werks 2000 (Foto: m3-baukunst)

Dieses Maar mit seiner Füllung aus bituminösen, fossilhaltigen Tonsteinen und vulkanischen Aschen stellt ein einzigartiges und nicht zu ersetzendes Zeugnis der Erdgeschichte dar. Nirgendwo sonst lassen sich über dieses Erdzeitalter derart vielfältige Erkenntnisse über das damalige Klima, die Lebewelt und die Lebensbedingungen gewinnen. In dieser Zeit wurden die Grundlagen der heutigen Öko­systeme gelegt. Die Erforschung und damit die Kenntnisse über die erdgeschichtliche Vergangenheit sind kein Selbstzweck, denn nur aus der Kenntnis der Vergangenheit lässt sich die Gegenwart verstehen und – gerade auch angesichts der stattfindenden Klima­veränderungen – die Zukunft planen.

Das Stöffel-Maar

Bis vor ca. zwei Jahrzehnten beruhten unsere Kenntnisse der Lebensbedingungen im Rheinischen Schiefergebirge zur Oberoligozän-Zeit (vor etwa 29–24 Millionen Jahren) im Wesentlichen auf Untersuchungen, die im Zuge des Braunkohlenbergbaus des Westerwaldes durchgeführt wurden. Die Ergebnisse stammen zumeist aus dem vorletzten Jahrhundert bzw. aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Sie entsprechen daher nicht mehr den modernen geowissenschaftlichen Anforderungen, die sich die Rekonstruktion urzeitlicher Ökosysteme zum Ziel gesetzt haben.

Die meisten Kenntnisse hatten wir – in Verbindung mit den Braun­kohlen – über die Pflanzen. Wirbeltierfunde aber gehörten zu den großen Seltenheiten (z. B. Funde des „Kohlenschweins“ Anthracotherium). Zumeist konnten diese nur in Resten im Zuge des Bergbaus geborgen werden.

Die Historische Werkstatt nach der denkmalgerechten Sanierung (Foto: Werbebahnhof)

In der zweiten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts wurde auf breiter Ebene nach neuen Braunkohlenvorkommen prospektiert, die zur Verhüttung von Eisenerzen des Lahn-Dill-Gebietes und des Siegerlandes gebraucht wurden.

Da man die Zusammenhänge zwischen Basalt- und Braunkohlenvorkommen kannte, wurde erstmals auch unter dem Stöffel ein Versuchsstollen vorgetrieben. Er erschloss ebenfalls „Braunkohlen“, sogar fossile Fische wurden gefunden, die in die Erläuterung zur Mutungsübersichtskarte des Bergamtes Koblenz eingingen. In den nachfolgenden Jahrzehnten gingen die Kenntnisse über die Funde aber wieder verloren, da die „Braunkohle“ des Stöffel aufgrund ihres hohen Aschegehaltes kommerziell nicht nutzbar war. Erst durch einen glücklichen Zufall wurde Anfang der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts die Stöffel-„Braunkohlen“-Lagerstätte durch zwei Schüler aus dem Ort Enspel wiederentdeckt: die heutige Fossillagerstätte Enspel.

W. Dörner und R. Baldus spalteten fein geschichtete, an organischem Material reiche Tonsteine (die früher sogenannten Braunkohlen) auf, die beim Ausheben eines Pumpensumpfes im Steinbruch der Firma Adrian unterhalb des Basaltes zutage traten. Sie entdeckten hierbei Blätter, Fische und Kaulquappen. Die o. g. Tonsteine stammten, wie wir heute wissen, aus dem oben genannten ca. 2 km² großen fossilen Maarsee, der im Raume Enspel, Nistertal und Stockum-Püschen zur Zeit des Oberoligozäns existierte.

Dieser Maarsee wird seit 1990 durch die Generaldirektion Kulturelles Erbe (früher Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz), Direktion Archäologie – Erdgeschichte – in enger Kooperation mit Universitäten, Museen und dem Landesamt für Geologie und Bergbau RLP erforscht. Möglich wurde dies dank des Entgegenkommens und der laufenden Unterstützung durch die Firma Basalt AG/Linz (ehemals auch durch die Firmen Adrian Basalt und Uhrmacher). Die feinschichtigen, bituminösen Ablagerungen des Stöffel-Sees enthalten sowohl Pflanzen- und Tier­reste der ehemaligen Seebewohner als auch solche des Hinterlandes, die eingeweht oder eingespült wurden.

Brecher I vor der Sanierung zum Erlebnisraum Basalt (Foto: erdgeschichte)

Die Sedimente lieferten eine reiche Blattflora (s. u.), bislang mehrere Tausend Insekten (z. T. noch mit den ursprünglichen Farben), Fische, Kaul­quappen, Frösche, Salamander, Schildkröten, Zähne von Krokodilen, einen Kormoran und einen Hühnervogel (Palaeorthyx cf. gallica) sowie zahlreiche Säugetiere aus verschiedenen Ordnungen. Hierzu zählen auch ein otterartiger Fischfresser (Potamotherium valletoni) sowie ein Verwandter der heutigen, in Nordamerika und Eurasien lebenden Pfeifhasen (zzt. in Bearbeitung). 

Von besonderer Bedeutung sind drei Funde des ältesten Gleitfliegers unter den Nagetieren: die sogenannte „Stöffel-Maus“ (Eomys quercyi). Die Erhaltung dieser mausgroßen Tiere mitsamt Haaren und Mageninhalte erlaubt genaueste Rekonstruktionen der Lebensweise. Sie stammen aus einer rund 40 Millionen Jahre existierenden und erst vor ca. 2 Millionen Jahren ausgestorbenen Nagetierfamilie (Eomyidae), von der lediglich aus Enspel Skelette bekannt sind, sonst nur Zahnfunde! Sehr umfangreich sind auch die Pflanzenfunde.

Meist handelt es sich hierbei um Blätter und Blüten; belaubte Äste sind sehr selten, Baumstämme fehlen bislang. Überliefert wurden Pflanzen der ufer­nahen Zone wie Seerosen, Schilf, Weiden und Zypressen. Pflanzen des trockeneren Hinterlandes sind durch Buchen, Hainbuchen, Ahorn, Ulmen, Eichen, Lorbeergewächse, Walnussbäume und Kiefern vertreten.

Die Fischfauna ist äußerst artenarm. Bislang kon­nte – trotz mittlerweile siebzehnjähriger intensiver Su­che – lediglich eine einzige Fischart sicher nachgewiesen werden: eine karpfenartige (Palaeorutilus enspelensis). Reste einer möglicherweise zweiten Art sind zzt.in Bearbeitung. Raubfische fehlen bislang. Außerordentlich zahlreich sind Kaulquappenfunde mitsamt den erhaltenen Weichkörperschatten und den Darminhalten.

Einzelne Exemplare erreichen Längen bis zu 20 cm. Ausgewachsene Frösche wurden aus drei noch heute existierenden Familien (Discoglossidae, Pelobatidae, Ranidae) und einer ausgestorbenen (Pal­aeobatrachidae) gefunden. Ähnlich dramatisch wie die Entstehung war auch das Ende des Sees: In der Nähe, der Ausbruchspunkt lag wahrscheinlich südlich der Ortschaft Stockum-Püschen, sandte ein Vulkan seine basaltischen Lavaströme in Richtung des Stöffel-Sees aus. Die Lava floss in den See ein und bildete dort selbst einen über 100 m tiefen See aus glutflüssiger Lava.

Diese Lava, der heutige Basalt, verhinderte über Jahr­millionen hinweg die Zerstörung der weichen Seeablagerungen durch Verwitterung. Die Grabungen gehen weiter: Ständig ist mit neuen Erkenntnissen zu rechnen. Vergleiche mit heutigen ähnlichen Ökosystemen lassen allein bis zu sechzig Arten von Säugetieren erwarten. Dem mehr als 100 Jahre währenden Basaltabbau ist es zu verdanken, dass diese einzigartige Fossillagerstätte freigelegt wurde.

Das Industriedenkmal

Brecher I nach der Dachsanierung (Foto: m3-baukunst)

Seit dem ausgehenden 19. Jahr­hundert erlangte der Basaltabbau in der Industriegesellschaft eine immer größere Bedeutung. Der Siegeszug der Eisenbahn und die nachfolgende zunehmende Motorisierung erforderten immer größere Mengen an Basaltschottern und Pflastersteinen für den Straßenbau. Nach ersten Anfängen im Sieben­gebirge wandten sich verschiedene Unternehmer dem Basaltabbau im Westerwald zu, erleichtert durch die Erweiterung des Bahnnetzes. Aus dieser Zeit stammt auch die älteste noch als geschlossenes Ensemble erhaltene Industrieanlage der Firma Adrian Basalt auf dem Stöffel. Es handelt sich dabei um ein in seiner Aussagekraft einmaliges industriegeschichtliches Denkmal.

Seine Bedeutung reicht weit über den Westerwald hinaus, da der ursprüngliche, zum überwiegenden Teil vom Anfang des letzten Jahrhunderts stammende Gebäude- und Maschinenbestand weitgehend erhalten blieb. Letzterer wurde lediglich teilweise durch jeweils modernere Maschinen ersetzt. Gebäude und Maschinen haben daher Aussagekraft für die Bau-, Sozial- und Technikgeschichte der Epoche.Der Komplex bietet so die einzigartige Möglichkeit, die geschichtliche Entwicklung dieses Industriezweiges exemplarisch und nachvollziehbar der Öffentlichkeit darzubieten.

Abriss und Rekultivierung

Industrielandschaften werden allgemein als „Arbeitslandschaften“ empfunden, in denen man Geld verdient. Sie nach dem Ende des Abbaus rückzubauen, zu rekultivieren, das bedeutet nach gängiger Auffassung „Wunden in der Landschaft“ heilen. Ursprünglich war daher das gesamte Areal des Stöffel zur Rekultivierung vorgesehen.

Das heißt Abriss der vorhandenen Betriebsgebäude, Überdecken der Fundamente mit Aushub und, etwa ab 2015, Wiederaufforstung des gesamten rund 140 ha großen Steinbruchgeländes mit Laubholzarten. Anfang der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts erkannte man, welche internationale Bedeutung die Fossillagerstätte für die Wissenschaft und das Industriedenkmal Adrian Basalt für das kulturelle Gedächtnis der Region haben. Daher kam man zu der Erkenntnis, dass die geplanten Rekultivierungsmaßnahmen so nicht realisiert werden dürften, denn sie hätten einen irreparablen kulturellen und wissenschaftlichen Verlust bedeutet.

Erlebnisraum Historische Werkstatt (Foto: Meyer)

Aktuell wurden diese Überlegungen erstmals mit dem absehbaren Abbauende auf der Gemarkung der Gemeinde Enspel akut, auf der die Basaltvorräte am ehesten erschöpft sein würden. Das Vorhaben, Gebäude und Gelände auf Dauer für die Öffentlichkeit und die Wissenschaft zu erhalten, schien angesichts der finanziellen Möglichkeiten der Anliegergemeinden und des Kreises sowie der alten rechtsgültigen Pachtverträge von vornherein zum Scheitern verurteilt. Lediglich Konzepte, die zu wirtschaftlich tragfähigen Lösungen beitragen, hatten daher Aussicht auf Erfolg. Gemeinsam mit den Gemeinden und mit der Unterstützung der Basaltabbaubetriebe entwickelte die GDKE Konzepte zur Konversion der künftigen Industriebrache zur Kulturlandschaft.

Als Arbeitsnamen erhielt das Projekt den Titel „Tertiär- und Industrie-Erlebnispark Stöffel“. Finanziert wird das Projekt überwiegend mit Mitteln der Europäischen Union (LEADER +), des Landes Rheinland-Pfalz und durch Eigenmittel des Kreises, der Verbandsgemeinde, der Anliegergemeinden und der Arbeitsverwaltung. Des Weiteren sollen auch Rekultivierungsmittel der Steinbruchbetreiber, vor allem in die Landschaftsgestaltung, einfließen.

Vom Tertiär- und Industrie-Erlebnispark Stöffel zum Stöffel-Park

Erhalten durch Nutzung

Von vornherein war klar, dass eine Erhaltung allein über eine Umnutzung von Gebäuden und Landschaft nicht zu erreichen ist. Der Rückgriff auf aktuelle Erhebungen über spezifische Besucherinteressen machte schnell deutlich, dass die themeninteressierten Zielgruppen allein nicht ausreichend sind, um ein Projekt dieser Größenordnung wirtschaftlich zu betreiben. Dies gilt auch für die in dieser Form einmalige Kombination von Industriekultur und Geologie. Auch wenn der Industriekulturtourismus ein Wachstumsmarkt ist, so betrifft das Besucherinteresse vor allem Industriedenkmale, die den Status von „Kathedralen der Arbeit“ (z. B. Zeche Zollverein) besitzen. Ähnliches gilt auch für den Wachstumsmarkt Geotourismus, in den der Stöffel-Park die Fossillagerstätte Enspel und die hierauf thematisch bezogenen Museen einbringt. 

Von Beginn an wurden von daher auch Stärke- und Schwächeanalysen im Bereich Kultur bzw. Freizeitmöglichkeiten in der Region durchgeführt. Das Ziel war es, das kulturelle Angebot so auch über den industrie- bzw. geotouristischen Bereich hinaus zu erweitern. Es zeigte sich, dass vor allem publikums­trächtige Veranstaltungsorte für Open-Air-Kinos, Theater im Steinbruch, Konzerte unter freiem Himmel etc. fehlen, die auf dem Gelände des Stöffel realisiert werden können.

Auch für den Bereich Trendsportarten bieten Landschaft und Gebäudebestand vielfältige Möglichkeiten. Ein Klettersteig an der Brecheranlage I, dem künftigen musealen Basalt-Erlebnisraum, der ein Umklettern des Gebäudekomplexes mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden ermöglicht, sowie ein Mountainbike-Parcours, über einen Teil der Abraumhalden geführt, bieten vielfältige Erlebnismöglichkeiten, die sowohl für Akteure als auch für Zuschauer interessant sind.

Darüber hinaus wurde ein Betreiberkonzept in Auftrag gegeben, das überwiegend betriebswirtschaftliche Parameter abdeckt. Auch das Marketing nimmt natürlich einen wesentlichen Teil ein. Als eine der ersten Maßnahmen erfolgte die Umbenennung des zu langen und wenig einprägsamen Arbeitsnamens in die Dachmarke „Stöffel-Park“. Industrielandschaft, Fossillagerstätte und Gebäudeensembles müssen natürlich auch durch eine museale Aufbereitung der „klassischen“ natur- und kulturhistorischen Themen vermittelt werden. Allerdings soll sich die Wissensvermittlung nicht an das herkömmliche Prinzip über themenbezogene Ausstellungen halten, sondern Geschichte und Geschichten dort darstellen und erlebbar machen, wo sie stattgefunden haben.

Dadurch, dass Gebäude, Maschinen und Gelände die Funktion der „Exponate ihrer selbst“, im unmittelbaren historischen Kontext stehend, übernehmen, entfällt der Zwang, sie getrennt zu inszenieren. Ein Projekt dieser Größenordnung und mit diesem Anspruch, kann natürlich nur in einem interdiszi­plinären Team aus Wissenschaftlern, Architekten, Fachingenieuren, bildenden Künstlern und Grafikern bewältigt werden. Zu Beginn fehlte nahezu alles: eine Bestandsaufnahme mit Aufmaß der Gebäude, der Kanalisation, der historischen Stollen unter den Materiallagern und eine Inventarisation des Bestandes. Konzepte für die Erhaltung der teilweise maroden Gebäude und der Maschinen mussten erarbeitet werden; erst auf dieser Grundlage konnten Konzepte für die Präsentation entwickelt werden.

Das Informationszentrum mit Erlebnisraum Tertiär, in eine Halde eingegraben (Foto: m3 baukunst)

Bewahren der historischen Architekturen

Wie oben im Erhaltungskonzept ausgeführt, muss die Gesamtanlage Industriebrache Stöffel einer doppelten Funktion gerecht werden: der möglichst originalgetreuen Erhaltung des Gebäude- bzw. des Maschinenbestandes und der industriellen Landschaftsausformung sowie ihrer Funktion als quasimuseale Einrichtung. So gut und originalgetreu auch die industrielle Kulisse für Besucher gemäß diesem Ziel erhalten wird, so fehlt doch alles sinnlich erlebbare Beiwerk eines aktiven Produktionsbetriebes wie Lärm, Staub, hektische Ladeaktivitäten etc. Deshalb müssen die ehemaligen Aufgaben und Funktionen von Mensch und Maschine museumsdidaktisch, d. h. alle Sinne ansprechend, vermittelt werden. 

Statische und sicherheitstechnische Anforderungen an eine öffentliche Nutzung der Gebäude und des Geländes legen eine behutsame, besuchergerechte Veränderung am Bestand nahe. Den notwendigen Überlegungen hinsichtlich der Veränderungen liegt ein denkmalpflegerisch-museales Konzept zugrunde, das in einem lebendigen Arbeitsprozess mit dem ausführenden Architekturbüro m3-baukunst je nach den anfallenden bautechnisch­en Überraschungen weiterentwickelt wird.

Hierbei erfordern die charakteristischen Architekturen der Gebäude und der Technik besondere Aufmerksamkeit. Dies betrifft vor allem auch Gebrauchsspuren an Maschinen oder Gebäudedurchbrüche, wobei Letztere in sich verändernden Arbeitszusammenhängen entstanden sind. Deshalb konnten sie in der ursprünglichen architektonischen Planung nicht berücksichtigt werden. 

Dies beeinflusst natürlich auch den Restaurierungsplan; bei den Maschinen wurde z. B. das Restaurierungsziel „Stilllegungszustand“ definiert. Viele Arbeitsspuren, aber auch Mauerdurchbrüche werden als „Geschenk“ angesehen, anhand derer – entsprechend aufgearbeitet – spannende Geschichten zur Arbeit erzählt werden können.

Um die ursprüngliche Qualität des Industriedenkmals als historisches Dokument zu erhalten und sie für Besucher ablesbar zu machen, werden Veränderungen über die Materialauswahl ganz bewusst und scharf konturiert als Hinzufügungen kenntlich gemacht. Zusätzlich werden Reparaturen und statisch notwendige Abstützungen so „inszeniert“, dass sich der Sinn der Maßnahme bzw. die zugrunde liegenden Ursachen unmittelbar erschließen. Auch Imitationen bzw. historisierende Nachahmun­gen unterbleiben.

Lediglich über die Materialwahl und die rein handwerkliche Ausführung der Details wird eine Anlehnung an den historischen Bestand gesucht. Aber auch sie bleibt noch immer als Hinzufügung kenntlich, etwa bei vorgesetzten Fenstern. Nur so wird die Gebäudearchitektur nicht konterkariert bzw. der Originalfensterbestand lässt sich in situ erhalten, auch wenn eine geschlossene thermische Hülle aus wirtschaftlichen Gründen gefordert ist. Was für die Gebäudehülle und den Maschinenbestand gilt, wird auch auf die Ausstellungsarchitektur übertragen. Aufgrund der verschachtelten Architektur der Gebäude, die Brecher, Siebmaschinen und Becherwerke, inklusive der ganzen Versorgungsstrukturen enthalten, ist auch hier die Herstellung eines Maßanzugs gefordert. Individuell und themenbezogen werden Ausstellungselemente entwickelt.

Das thematische und grafische Konzept fügt sich unaufdringlich und immer wieder Geschichten erzählend in die Gegebenheiten ein. Dieses Konzept konnte bislang für den Erlebnisraum Historische Werkstatt umgesetzt werden. Er konnte im Juli 2007 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Grabungsstelle (Foto: Erdgeschichte/ T. Bizer)

Kontexte vermitteln

Angesichts der schieren Größe des Industriedenkmals und des anschließenden Steinbruchgeländes kann das Ensemble nur als „Exponat seiner selbst“ behandelt werden. Die Ausstellungen zu den weiter oben skizzierten Bereichen sind alle thematisch, grafisch und vom raumbildenden Ausbau her zueinander in Beziehung gesetzt. In Bezug auf das gesamtkulturelle Vermittlungskonzept haben sie aber einen mehr begleitenden und deutenden Charakter.

Durch die restaurative Erhaltung und teilweise museale Aufbereitung geben die Relikte aus der Industriezeit Besuchern nun Anlass und Möglichkeit zur Spurensuche nach der eigenen Geschichte und Identität. Dies gilt vor allem auch für Menschen oder ihre nächsten Verwandten, die dort selbst einmal gearbeitet haben und so ihre Ortsverbundenheit mit der Industrielandschaft wieder aufleben lassen können.Industriehalden bedeuten eine reiche Gliederung der Landschaft, die sich vielfältig nutzen lässt: von park­ähnlichen Wiederanpflanzungen der heutigen Verwandten der damaligen Flora bis hin zu Freizeit­aktivitäten wie Mountainbike-Parcours mit ausgeprägtem Höhenrelief.Nur so können Besucher sicher sein, dass sie es mit authentischen Orten zu tun haben und nicht in eine virtuelle Welt versetzt werden.

Die Fossilfunde

Insekten haben sich bis ins feinste Detail erhalten. (Foto: Erdgeschichte)
Das Symboltier der Fossillagerstätte: die gleitfliegende Stöffel-Maus (Foto: Erdgeschichte)

Ausgehend von Überlegungen, wie sich die Präsentation in den Gesamtkontext der geotouristischen Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland einfügt, kam man zu dem Schluss, dass die Funde ja einen wesentlichen Schritt in der Entwicklung zur heutigen Flora und Fauna darstellen, einschließlich der des Menschen. Die Inszenierung wird sich von daher in eine Präsentation der letzten 65 Millionen Jahre der Erdgeschichte, dem Zeitalter Tertiär, einfügen.

Beginnend mit dem Aussterben der Dinosaurier werden sich die Stränge Klimaveränderungen und Evolution durch die ganze Ausstellung hindurchziehen. Insgesamt entsteht so ein „Erlebnisraum Tertiär“.  Vor Ort, an den Grabungsstellen, entsteht ein Zentrum Grabungen, an dem Funde durch Besucher bearbeitet werden können. Hinzu kommen themenbezogene Vorführungen der Grabungen selbst. Aus dem Industrieensemble steht für den Erlebnisraum Tertiär kein geeignetes Gebäude zur Verfügung, da die Objekte zu empfindlich sind.

Deshalb wird ein neues Gebäude errichtet, das regionale Infozentrum, in das die Ausstellung integriert werden wird. Dieses Infozentrum dient gleichzeitig der touristischen Präsentation der gesamten Westerwaldregion. Ein Saal bietet die Möglichkeit für Konferenzen, Vorträge und Feiern. Aus Respekt und mit der angemessenen Zurückhaltung gegenüber dem historischen Gebäudeensemble und seiner Silhouette wird es deshalb in eine Halde eingebettet, sodass dem Besucher nur eine Schmalseite zugewandt ist. 

Ein fossiler Verwandter der heutigen südostasiatischen Krokodilsmolche (Foto: Erdgeschichte)

Die industrielle Nutzung

Eine Vermittlung der industriellen Nutzung des Basaltes und der Funktionen von Gebäuden und Maschinen wird in einem der Brechergebäude stattfinden, dem „Erlebnisraum Basalt“. Die Inszenierung von Maschinen und Arbeitsvorgängen steht unter dem Motto „Der Weg des Basaltes“. Der Zutritt in das Gebäude erfolgt über den Wartungssteg eines Schrägförderbandes bis hinauf in den vierten Stock.

Von dort wird der Besucher durch das Gebäude geleitet, bis er in einem größeren Saal landet, in dem zusätzlich auch Informationen über den tertiären Vulkanismus im Westerwald gegeben werden. Natürlich gehören hier die Basalt­entstehung und das dramatische Ende des Enspeler Maarsees durch das Einfließen eines Basaltstromes dazu. Quasi als Außenstelle dienen rekonstruierte Kipperbuden, in denen die Pflastersteinherstellung – Anlass und Beginn des Basaltabbaus am Stöffel – inszeniert wird.

Die Historische Werkstatt

Kreativ-Werkstatt im alten Verwaltungsgebäude (Foto: Stöffel-Park)
Regenbogenschule Westerburg „Was ist eigentlich Basalt?“ (Foto: Stöffel-Park)

Das Herz der Industrieanlage war die Werkstatt. Hier wurden in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht nur Loren für den Basalttransport hergestellt, sondern auch Werkzeuge repariert, Metalle geschmiedet und abgelängt. Es wurden also alle Metallarbeiten durchgeführt, die zum Betreiben eines Betriebes notwendig sind. Zur Präsentation als „Erlebnisraum Historische Werkstatt“ wurde der Stilllegungszustand wieder hergestellt und die Inszenierung erfolgte in der weiter oben geschilderten Art.

Café/Bistro Kohlenschuppen

Kein touristisches Pro­jekt kommt ohne eine entsprechende Besucherversorgung aus. Aus diesem Grund werden der ehemalige Kohleschuppen und ein Gebäude zur Energieerzeugung, später als Materiallager umfunktioniert, zu einem Café/Bistro und einer Toilettenanlage umgenutzt.


Auditorium Basaltbühne

Aus den Überlegungen heraus, den Besuchern einen eindrucksvollen Überblick zu verschaffen, welche Attraktionen sie im Stöffel-Park erwarten, wurde ein Außensilo zu einer Basaltbühne, ähnlich einem Amphitheater, umgestaltet. Es bietet 400 Personen Platz und kann zusätzlich auch als Freilichtbühne für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden. 

Ausblick

Aussichtsturm im Stöffel-Park (Foto: Meyer)

Die Entwicklung der Kulturlandschaft am Stöffel erfordert auch weiterhin einen behutsamen und zugleich zeitstabilen Prozessschutz über viele Jahre hinweg. Zu dieser Haltung zu kommen war ein langer Überzeugungsprozess, der von allen Beteiligten ein anderes Planungs- und Entwicklungsverständnis erforderte – und es ihnen, wie oben erwähnt, auch noch in absehbarer Zukunft abverlangen wird. Vor allem auch die Landschaftsgestaltung und die Erhaltung der historischen Spuren (etwa Beschädigungen durch Radladerschaufeln an Silos) erfordern noch viele Planungen.

Das Endziel soll die Entsteh­ung eines Tertiärparks sein, in dem alle heutigen Verwandten der tertiären Pflanzen aus der Zeit der Fossillagerstätte angesiedelt werden sollen. Dieser Park wird auch einen Teil erhalten, in dem die Natur sich selbst überlassen bleibt. Zusätzlich entstehen ein See sowie ein Klimahaus. Letzteres soll einen Eindruck der wärmeliebenden tertiären Pflanzen vermitteln, gekoppelt mit einer kleinen Krokodilfarm und lebenden Flughörnchen, die an die berühmte Stöffel-Flugmaus erinnern sollen.

Den am Anfang aus der Bevölkerung und auch aus dem politischen Raum heraus erhobenen For­­derungen, alles bis auf ein einzelnes symbolhaftes Brechergebäude abzureißen, mussten wirtschaftlich tragfähige Entwicklungskonzepte entgegengesetzt werden, bis sich auch für den „Rest“ die Einsicht durchsetzte: „Was man heute nicht beseitigt, kann man später immer noch abreißen, sollte sich bis dahin keine Nutzung entwickeln.“ So sind weiterhin enorme Entwicklungsmöglichkeiten für den Stöffel-Park gegeben, die auf gesellschaftliche Entwicklung­, z. B. im Freizeitverhalten, reagieren und neue Bedürfnisse und gesellschaftliche Notwendigkeiten aufnehmen können. 

Die Autoren

Dr. Michael Wuttke

geboren 1950, Studium der Volkswirtschaft und Geologie in Frankfurt/M. und Mainz, Promotion 1988 mit Auszeichnung, Auslandsaufenthalte mit geologischem Schwerpunkt in Griechenland, USA, Spanien (Kanaren), seit 1989 Leiter der Erdgeschichte in der Generaldirektion Kulturelles Erbe, Lehrtätigkeit an der Universität Mainz und an Volkshochschulen

Bernd Freihaut

geboren 1959, Zivildienst, Studium der Psychologie in Heidelberg, Architektur in Darmstadt und Braunschweig, Diplom mit Auszeichnung 1988/89, Auslandsaufenthalte mit Schwerpunkt Städtebau und Denkmalpflege in Griechenland, Frankreich, Nordafrika, Indien, Nepal, USA, Bürogründung 1991, Wettbewerbserfolge, Lehrtätigkeiten, 2005 Berufung in den BDA  

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