Rekultivierung Eisensteiner Kopf

Tagebau mit vielfältigen Nutzungen

  • Tümpel im Südostteil des Tagebaues Eisensteiner Kopf (Foto: Himmler)
    Tümpel im Südostteil des Tagebaues Eisensteiner Kopf (Foto: Himmler)
  • Produktlager Eisensteiner Kopf (Foto: Himmler)
    Produktlager Eisensteiner Kopf (Foto: Himmler)
  • Zweifarbiges Vergissmeinnicht (Myosotis discolor), (Foto: Himmler)
    Zweifarbiges Vergissmeinnicht (Myosotis discolor), (Foto: Himmler)

Mit ca. 40 ha zählt der Tagebau Eisensteiner Kopf zu den mittelgroßen Steinbrüchen im Nordpfälzer Bergland. Weil er aber sowohl den basaltischen Andesit als auch den sauren Rhyodacit aufschließt und in vielfältiger Weise genutzt wird, eignet er sich besonders gut zum Aufzeigen der Lebensraumfunktionen, die ein in Betrieb befindlicher Steinbruch erfüllen kann.

Der Abbau des Andesits im Nordteil des Tagebaues ist seit 1998 eingestellt; seither wird hier gemäß dem Rekultivierungsplan bis auf eine Resttiefe von ca. 30 m verfüllt. Auf der Hälfte der Fläche ist die Verfüllung bereits abgeschlossen. Im Südteil des Steinbruchs wird noch Rhyodacit abgebaut. Weil das auffällig rot gefärbte Gestein für besondere Zwecke verwendet wird, erfolgt der Abbau nachfrage­orientiert und daher unregelmäßig. Im Westteil des Tagebaues befinden sich die Aufbereitungsanlagen für den 200 m weiter nordwestlich betriebenen Feldspattagebau Nonnenfels. Auch werden die Produkte hier gelagert, verladen und vertrieben. 

Bereiche mit Gesteinsabbau

Der durch Rhyodacitabbau geprägte Südteil weist ein Mosaik unterschiedlicher Standorte auf:

  • Vegetationsfreie Abbauwände und Verkehrsflächen
  • Aufschüttungen von unwertem Material
  • Zum Abbau vorbereitete Felsflächen, auf denen der Oberboden abgetragen ist
  • Unregelmäßig z. B. zur Lagerung von Geräten genutzte Flächen
  • Böschungen mit Vorwaldbeständen

Bemerkenswerte Pflanzen und Tiere besiedeln insbesondere die Felsflächen, deren Bodendecke abgetragen wurde. Hier haben sich Arten natürlicher Felsbiotope angesiedelt, die das Nordpfälzer Bergland in besonderer Weise charakterisieren.

Auf den sauren Böden ist das bundesweit gefährdete Acker-Filzkraut (Filago arvensis) häufig; seltener kommt das Kleine Filzkraut (Filago minima) vor. Sie sind Bestandteile einer schütteren Pioniervegetation mit Rotem Straußgras (Agrostis tenuis), Schaf-Schwingel (Festuca ovina) und Moosen der Gattungen Grimmia und Racomitrium. 

Ausschnitt aus der Biotoptypenkarte des Tagebaues Eisensteiner Kopf

Bleiben diese Flächen über längere Zeiträume sich selbst überlassen, siedeln sich Bäume an – neben den gebiets- und standorttypischen Birken (Betula pendula) insbesondere Lärchen (Larix decidua) aus den angrenzenden Forsten.

Die Krautschicht wird durch die Beschattung lückiger und artenärmer. Die Pionierrasen sind an das wiederkehrende Neuentstehen offener Felsflächen gebunden, die dann etliche Jahre lang der natürlichen Entwicklung überlassen bleiben.

Als charakteristische Tiere von Felsrasen sind die gefährdete Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) und der Braune Grashüpfer (Chorthippus brunneus) hier häufig. Sie gehen bei sich schließendem Gehölzaufwuchs zurück. In geringerer Dichte sind sie auch in den sonstigen Teilen des Tagebaues zu finden, insbesondere auf den Aufschüttungen unwerten Materials.

Zauneidechse (Lacerta agilis), (Foto: Himmler)

Wo diese Aufschüttungen an Vorwälder grenzen, ist die bundesweit gefährdete und EU-weit streng geschützte Zauneidechse (Lacerta agilis) regelmäßig anzutreffen. Sie ist auf kleinräumige Mosaike aus sich stark erwärmenden Flächen zur Thermoregulierung, dichter Vegetation zur Nahrungssuche und Versteck- sowie Überwinterungsmöglichkeiten etwa zwischen Geröll oder in Gehölzbeständen angewiesen. 

Die Gelbbauchunke (Bombina variegata), (Foto: F. Thomas)

Auch die unregelmäßig zur Geräte- und Materiallagerung genutzten Flächen bieten der Zauneidechse günstige Lebensräume. Weil sie sich – als selten genutzte Flächen – am Rand des Tagebaues abseits der Aufbereitungsanlagen befinden, haben sich hier auch störungsempfindliche Tiere wie der Neuntöter und das Schwarzkehlchen angesiedelt.

Beide Arten sind europaweit bedroht, weil die von ihnen benötigten Landschaftsausschnitte mit enger Verzahnung von Gebüschen bzw. Staudenbeständen zur Brut und niedrig bewachsenen Nahrungsflächen immer seltener werden. Ähnliche Lebensräume besiedelt die Dorngrasmücke. Zwar ist sie weniger anspruchsvoll – so genügen ihr kleinere Reviere und sie brütet manchmal auch in einzelnen Sträuchern – aber dennoch musste die einstige „Allerweltsart“ wegen ihres schnellen Rückgangs in die bundesweite Vorwarnliste aufgenommen werden. Im Eisensteiner Kopf war sie 2006 mit neun Brutpaaren vertreten.

Für den im angrenzenden Wald brütenden, bundes- und europaweit zuletzt rapide zurückgehenden Grünspecht sind die unregelmäßig genutzten Randbereiche des Tagebaues unverzichtbare Nahrungsstätten. Solange der Tagebau Eisensteiner Kopf in der bisherigen Form genutzt wird, stehen die erforderlichen Sukzessionsstadien den seltenen Tierarten immer wieder zur Verfügung.

Umgebung der Aufbereitungsanlagen, Produktlager

Acker-Filzkraut (Filago arvensis), (Foto: Himmler)

Der Nahbereich der Aufbereitungsanlagen erscheint auf den ersten Blick „lebensfeindlich“. Aber auch hier kommen seltene, landes- und bundesweit gefährdete Arten vor. Die Gelbbauchunke und die Geburtshelferkröte pflanzen sich in Kleingewässern fort, die zur Speicherung von Beregnungswasser angelegt wurden. Sie werden von zufließendem Niederschlagswasser gespeist. Auch im Absetzbecken kommen sie vor.

Die einzelnen Gewässer haben Flächen von 40 bis 250 m²; größer ist nur ein Weiher an der Steinbruchsohle. Die Jahreslebensräume der Geburtshelferkröte befinden sich im Tagebau selbst, etwa in Abraumhalden, jene der Gelbbauchunke im umgebenden Wald.

Beide Amphibienarten haben in der Nordpfalz ihren landesweiten Verbreitungsschwerpunkt; sie kommen hier fast ausschließlich in Steinbrüchen vor. Weil die Beregnung zur Staubbindung bei der Gesteinsaufbereitung unerlässlich ist, werden auch künftig Gewässer zur Wasserspeicherung vorgehalten.

Der Lebensraum der Amphibien ist hier für die nächsten Jahrzehnte gesichert. Außer Gelbbauchunke und Geburtshelferkröte pflanzen sich hier auch die weitverbreiteten Arten Erdkröte und Fadenmolch sowie Grünfrösche fort.

Auf den Produkthalden hat sich das seltene Rosmarin-Weidenröschen (Epilobium dodonaei) ange­siedelt. Es entstammt den Schotterbänken von Alpenflüssen und kam von Natur aus in Südwestdeutschland am Rhein nordwärts bis Karlsruhe vor. Seit dem Verlust der ursprünglichen Standorte siedelt es meist nur noch in Kiesgruben; hier ist es vielfach bedroht. In der Nordpfalz wurde das Rosmarin-Weidenröschen erstmals um 1950 in den Steinbrüchen bei Rammelsbach nachgewiesen. Wie es hierher gelangte, ist für Botaniker heute noch ein Rätsel. 

Um Kusel wurde es seitdem zur kennzeichnenden Steinbruchpflanze und hat inzwischen auch den Ost­rand des Nordpfälzer Berglands erreicht. Das dekorative Rosmarin-Weidenröschen zählt zu den gern gesehenen Neophyten, denn es verdrängt keine heimischen Pflanzen- und Tierarten. Oft ist es die einzige Pflanze seiner Wuchsorte. 

Verfüllungsbereich

Rosmarin-Weidenröschen (Epilobium dodonaei), (Foto: Ness)

Der teilweise aufgefüllte Nordteil des Tagebaues Eisensteiner Kopf bildet einen Kessel von rund 20–30 m hohen Felswänden. 200 m neben der Fahrspur, die von den für die weitere Verfüllung eingesetzten SKW genutzt wird, hat ein Uhu einen regelmäßigen Tageseinstand in einer Felsnische bezogen. Ein Uhu-Revier erfordert neben dem Brutplatz auch mehrere solcher Tageseinstände.

Sie dienen nicht nur als Ruheplätze, sondern gewissermaßen auch als „Reserven“ für eventuelle Brutplatzverlagerungen. Der derzeitige Brutplatz befindet sich ca. 3 km weiter östlich in einem aufgelassenen Steinbruch. Die Wiederbesiedlung der Pfalz durch den Uhu, die mittlerweile bis an die französische Grenze vorangeschritten ist, nahm in den nordpfälzischen Steinbrüchen ihren Anfang.Die Anwesenheit des Uhus dürfte auch die Ursache dafür sein, dass der Wanderfalke im Tagebau Eisensteiner Kopf und seiner Umgebung regelmäßig jagt, aber nicht brütet.

Uhus zählen zu den wenigen Fressfeinden des Wanderfalken. Beide sind in der Nordpfalz weitgehend auf Steinbrüche als Brutplätze angewiesen; der Wanderfalke weicht – wie auch andernorts – oft auf hohe Gebäude aus. Die Felsvegetation ist im Nordteil des Tagebaues Eisensteiner Kopf nur noch an wenigen begrenzten Stellen vorhanden, weil die Auffüllung bis zur obersten Gewinnungsberme erfolgte.

Die verbliebenen Ansätze von Felsvegetation auf dem hier anstehenden, basisch reagierenden Andesit zeigen mit Vorkommen z. B. der Edlen Schafgarbe (Achillea nobilis) und des bundesweit gefährdeten Bunten Vergissmeinnicht (Myosotis discolor) eine andersartige Zusammensetzung als auf dem sauren Rhyodacit. 

Zusammenfassende Beurteilung

Das Beispiel des Tagebaues Eisensteiner Kopf lässt erkennen, dass gerade in Betrieb befindliche Steinbrüche eine Vielzahl von Lebensräumen auch für seltene und gefährdete Arten bieten. Viele dieser Arten sind für Pionierlebensräume kennzeichnend, sowohl für trockene als auch für nasse Standorte. Die Pionierlebensräume sind von Natur aus vergänglich.

Die charakteristischen Arten sind an die Unstetigkeit ihrer Biotope angepasst, indem sie neu entstehende Lebensräume schnell besiedeln können. Die Umgestaltungsdynamik in Steinbrüchen sichert ein stetes Lebensraumangebot für Pionierarten an wechselnden Stellen.Werden in Tagebauen offene Felsflächen für etliche Jahre bis Jahrzehnte belassen, so können sich die Pionierbestände zu Ansätzen von Lebensgemeinschaften naturnaher Felsbiotope weiterentwickeln.

Darin steckt ein besonderes Potenzial für den Naturschutz: Ein großer Teil der natürlichen Felsbiotope verdankt nämlich seinen offenen Charakter mit Lebensmöglichkeiten für viele seltene Arten der früheren, über Jahrhunderte betriebenen Extensiv-Weidenutzung. Seit deren Ende breiten sich aber stärker wüchsige Kräuter und Gebüsche aus.

Diese für den Naturschutz ungünstige Entwicklung ist knapp 1 km nördlich des Tagebaues Eisensteiner Kopf im Naturschutzgebiet „Albertskreuz“ zu beobach­ten. Weitere Felsbiotope werden durch Besucherdruck geschädigt, etwa im Naturschutzgebiet „Drosselfels-Schwarzfels“ 0,5 km südlich des Eisensteiner Kopfs.

Steinbrüche bieten die einzigen realistischen Möglichkeiten, dauerhafte Lebensräume für Tiere und Pflanzen der Felsen, teils an wechselnden Standorten vorübergehend, teils im Zuge der abschließenden Gestaltung, zu schaffen. Sie tragen dazu bei, den weiteren Rückgang dieser Arten aufzuhalten. 

Der Autor

Heiko Himmler
Dipl.-Geograf

geboren 1963, studierte in Mannheim und Heidelberg Geografie, Geologie und Biologie, parallel dazu war er als freier Journalist tätig. Seit 1990 ist er beim Institut für Umweltstudien Weibel & Ness GmbH (IUS) beschäftigt. Landschaftspflegerische Fachplanungen für Abbaustätten zählen zu den Kernaufgaben des Unternehmens. Himmlers thematische Schwerpunkte liegen in den Bereichen (Vegetations-)Ökologie und Naturschutz.

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