Rammelsbach/Theisbergstegen

GEO-Tag der Artenvielfalt im Steinbruch RAMMELSBACH/THEISBERGSTEGEN

  • Der Steinbruch Rammelsbach/Theisbergstegen bietet eine Vielzahl an unterschiedlichen Lebensräumen und somit eine hohe Artenvielfalt. (Foto: Dirk Funhoff)
    Der Steinbruch Rammelsbach/Theisbergstegen bietet eine Vielzahl an unterschiedlichen Lebensräumen und somit eine hohe Artenvielfalt. (Foto: Dirk Funhoff)
  • Neben der Raupe des Schwalbenschwanzes (Papilio machaon) konnten auch einige Adulti beim Flug beobachtet werden. (Foto: Sascha Schleich
    Neben der Raupe des Schwalbenschwanzes (Papilio machaon) konnten auch einige Adulti beim Flug beobachtet werden. (Foto: Sascha Schleich

Rammelsbach

Zu einem nicht alltäglichen GEO-Tag luden 2014 die Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (GNOR) e. V. zusammen mit den Südwestdeutschen Hartsteinwerken (SHW) – eine Zweigniederlassung der Basalt-Actien-Gesellschaft – ein. Ziel war die Erfassung der Artenvielfalt in einem aktiven Steinbruch im Landkreis Kusel. 

Die Idee erwuchs aus der bereits seit mehreren Jahren bestehenden Kooperation zwischen GNOR und SHW im Bereich des Amphibienschutzes, einem Projekt der Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz. Die SHW ist aktuell mit 6 Betrieben am Kooperationsprojekt beteiligt. Darunter befindet sich der rund 90 ha umfassende Steinbruch Rammelsbach/Theisbergstegen. Aufgrund seiner Vielfältigkeit eignet sich dieser Abbaubetrieb hervorragend für einen GEO-Tag der Artenvielfalt. Das Gelände mit intensiv genutzten und (zeitweise) stillgelegten Abbaubereichen bietet vielfältige Biotopstrukturen. Neben Schotterhalden, Felsen und Steinschuttfluren sind große und kleine Tümpel unterschiedlichster Sukzessionsstadien zu finden. Bereiche mit Trockenrasen und randliche Vorwälder runden das Angebot an verschiedensten Lebensräumen ab.

Blauer Lattich (Lactuca perennis) (Foto: Carsten Renker)

Am 14.06.2014 konnte durch die Unterstützung von 22 hochmotivierten Experten zahlreichen Artengruppen wie Schmetterlingen, Heuschrecken, Käfern, Schwebfliegen, Schnecken, Amphibien, Fledermäusen, Vögeln und Pflanzen nachgespürt werden. Während die Ornithologen bereits früh am Morgen unterwegs waren, kamen die Fledermauskundler erst gegen Abend richtig in Fahrt. Die 24 Stunden des GEO-Tages wurden vollends genutzt. So wurden auch die Amphibien nachts erfasst. Der am weitesten angereiste Experte für Schwebfliegen und die Geburtshelferkröte kam zur Unterstützung für diese Aktion extra aus dem ca. 430 km entfernten Weimar in Thüringen.

Zum Austausch der Experten untereinander diente das von der SHW eingerichtete und rege genutzte „Basiscamp“. Hier gab es Verpflegung, Gebietskarten und die für die Begehung erforderlichen Sicherheitshinweise inklusive Schutzhelme. Um möglichst gut das weitläufige Gelände untersuchen zu können, wurde sogar ein Shuttle-Service von den Betriebsmitarbeitern angeboten, eine Notrufnummer dafür eingerichtet, und diese auf den an den verschiedensten Stellen im Gebiet aufgestellten Lageplan-Tafeln angeschlagen. Alles war organisiert worden durch die örtliche Belegschaft der SHW. An diesem Tag fand nicht nur ein Austausch über die Vielfalt der Arten, sondern auch zwischen Naturschützern und Betriebsangehörigen statt – so konnte die bereits fünfjährige Zusammenarbeit weiter intensiviert werden. Innerhalb der 24 Stunden konnten im Steinbruch Rammelsbach/Theisbergstegen 776 Tier- und Pflanzenarten festgestellt werden. 

Mit 352 registrierten verschiedenen Arten zeigte sich die Gruppe der Pflanzen als die artenreichste. Unter ihnen befand sich auch der Gelbe Fingerhut (Digitalis lutea). Seine hauptsächlichen Wuchsorte sind ältere, in Verwaldung begriffene Steinbruchhalden, wo er die noch offenen Stellen besiedelt. Eine weitere auffallende Pflanzenart war der Blaue Lattich (Lactuca perennis). Bundesweiter Verbreitungsschwerpunkt sind die Felshänge des Nordpfälzer Berglands sowie des Mosel- und des Mittelrheintals. Im Steinbruch kommt er zerstreut in fortgeschrittenen, aber noch nicht durch Gehölze geprägten Sukzessionsstadien vor.

Die Käfer stellten die Gruppe mit der zweithöchsten Artenanzahl dar. Sie wurden vorwiegend in der niedrigen Vegetation mit Klopfschirm und Streifkescher erfasst.

Ein besonders seltener Anblick - Männchen der Geburtshelferkröte (Alytes obstetricans) beim Absetzen der fertig entwickelten Larven. (Foto: Sascha Schleich)

Unter den Laufkäfern fand sich eine besonders auffällige Cymindis-Art. Der anfängliche Verdacht, es könne sich um die südeuropäische Art Cymindis lineola handeln, konnte noch nicht bestätigt werden. Der aktuelle Bestimmungsstand deutet nun auf eine gestreifte Unterart von Cymindis axillaris. Beide Arten wurden bislang noch nicht für Mitteleuropa nachgewiesen und bedeuten somit einen Erstnachweis. Eine Nachsuche in der folgenden Saison soll Sicherheit über die genaue Artenzuordnung bringen.

Die Ornithologen untersuchten die Gruppe mit der dritthöchsten Artenanzahl. Ein Highlight war hier ein Neststandort des Uhus (Bubo bubo) in einer Felswand, in der ein Elterntier mit zwei Jungen beobachtet werden konnte. Ein weiterer besonderer Fund stellte die Heidelerche (Lullula arborea) dar, welche in der Verbandsgemeinde Kusel bislang nur aus den Randbereichen des Truppenübungsplatzes bekannt war.

Die Schmetterlinge standen in der Höhe der Artenanzahl auf Platz vier. Auch hier waren interessante Funde zu verzeichnen wie beispielsweise der stark gefährdete Alexis-Bläuling (Glaucopsyche alexis), den Graublauen Bläuling (Scolitantides baton) sowie die beiden größten heimischen Schmetterlingsvertreter Segelfalter (Iphiclides podalirius) und Schwalbenschwanz (Papilio machaon), letzterer sogar mit Reproduktionsnachweis im Raupenstadium.

Auch die Gruppe der Ameisen bot mit 28 unterschiedlichen Arten eine beeindruckende Vielfalt, darunter Tetramorium moravicum, die bislang in Rheinland-Pfalz nur vom Mittelrhein und den Seitentälern der Nahe, Mosel und Lahn bekannt war.

Für die Gruppe der Heuschrecken war das Datum des GEO-Tages leider zu früh im Jahr gewählt, sodass sich die meisten Arten noch im Larvalstadium befanden und nur schwer erfasst und bestimmt werden konnten.

Die Barrenringelnatter (Natrix natrix helvetica) ist eine der beiden Schlangenarten im Steinbruch.(Foto: Sascha Schleich)
Der Kleine Abendsegler (Nyctalus leisleri) konnte in der Dämmerung bei intensiver Insektenjagd mit dem Detektor erfasst werden. (Foto: Guido Pfalzer)

Die Amphibienvorkommen sind bereits durch das seit fünf Jahren im Steinbruch durchgeführte Kooperationsprojekt „Abbaubetriebe und Amphibienschutz“ geläufig. Es konnten am GEO-Tag alle sechs bekannten Arten aus dem Steinbruch erneut bestätigt werden. Als Besonderheit ist die Populationsgröße der Geburtshelferkröte (Alytes obstetricans) zu nennen, welche aktuell eine der größten in Rheinland-Pfalz und vermutlich sogar Deutschlands darstellt. So konnte auch am GEO-Tag ein Männchen beim Absetzen der fertig entwickelten Larven nachts beobachtet werden, was selbst für die Experten einen eher seltenen Anblick darstellt. Bei den Reptilien konnte neben den drei bereits bekannten Arten – Mauereidechse (Podarcis muralis), Schlingnatter (Coronella austriaca) und Barrenringelnatter (Natrix natrix helvetica) –auch die Blindschleiche (Anguis fragilis) erstmals im Steinbruch nachgewiesen werden. In einem kleinen Stollen wurden zwar die gesuchten Fledermäuse nicht gefunden, dafür aber die Höhlenradnetzspinne (Meta menardi), eine der beiden erfassten Spinnenvertreter. Fünf Fledermausarten konnten dennoch mittels Detektor und Netzfang im Gebiet aufgespürt werden, darunter der Kleine Abendsegler (Nyctalus leisleri). 

Insgesamt konnte durch diese Aktion eine sehr beeindruckende Anzahl festgestellt werden, was einmal mehr verdeutlich, wie hoch die Artenvielfalt in einem aktiven Steinbruch sein kann. Wie zu erwarten, konnten viele besondere und teilweise geschützte Pionierarten nachgewiesen werden. Diese Arten profitieren vom aktiven Abbau und sind auf die ständige Dynamik von immer neu entstehenden Lebensräumen und unterschiedlichen Sukzessionsstadien angewiesen, da diese in der freien Landschaft kaum noch existieren. 

Die Bilanz des GEO-Tags der Artenvielfalt im Steinbruch Rammelsbach/ Theisbergstegen kann sich also sehen lassen, auch weil sie ein Gemeinschaftsergebnis von Akteuren aus Rohstoffabbau und Naturschutz ist!

Ein besonderer Dank gilt den Südwestdeutschen Hartsteinwerken, die diese Aktion überhaupt möglich gemacht haben, sowie der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd für die ausgestellte Ausnahmegenehmigung zur Erfassung von besonders geschützten Arten.

Der Autor

Sascha Schleich

Geboren am 08.08.1985 in Idar-Oberstein. Nach Abschluss der Fachhochschulreife in der Fachrichtung Betriebswirtschaft Eintritt 2004 in die Basalt-Actien-Gesellschaft - Südwestdeutsche Hartsteinwerke (SHW) als Auszubildender im Ausbildungsberuf Industriekaufmann. Nach erfolgreichem Abschluss seit 2006 IT-Sachbearbeiter. Parallel dazu verschiedene ehrenamtliche Vorstandspositionen und seit 2010 ehrenamtlicher Sprecher des NABU Bundesfachausschusses Feldherpetologie & Ichthyofaunistik sowie Leiter des Arbeitskreises Nahetal der GNOR.

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