Mehrberg

Der Steinbruch MEHRBERG: Aspekte der Raumnutzung des heimischen Wildes in einem stillgelegten Steinbruch

  • Verbissene Ginsterbüsche (Foto: Haardt)
    Verbissene Ginsterbüsche (Foto: Haardt)
  • Rotwild (Foto: Haardt)
    Rotwild (Foto: Haardt)
  • Gelbbauchunke (Foto: G. Hahn)
    Gelbbauchunke (Foto: G. Hahn)

Historie der Genehmigung Basaltlavatagebau

Der Mehrberg liegt auf der Kante des vorderen Westerwalds zum Rheintal im Norden des Landkreises Neuwied. Mit einer Höhe von 430,5 m üNN ist er die höchste Erhebung im Landkreis. Er ist eine bedeutende Anhöhe zwischen dem benachbarten Siebengebirge im Norden, dem Asbacher Land im Osten, dem Wiedrücken gen Süden und dem vorgelagerten Rheintal im Westen. Der Mehrberg besteht aus einer Restkuppe des gleichnamigen Steinbruches, einem der ältesten Basaltsäulen-Betriebe der Basalt AG. 

Hier wurden schon im Mittelalter Steine für die Stadtmauer von Linz gebrochen. Der Bau der Stadtbefestigung ist auf die Jahre 1320 bis 1329 datiert. Die hoch anstehenden Säulen konnten zur damaligen Zeit von Hand fast oberirdisch gebrochen werden. Dies beschreibt die lange Tradition der Abbautätigkeit in diesem Bereich. Der Betrieb Mehrberg, die benachbarten Betriebe Asberg, Willscheiderberg, sowie der Hummelsberg waren zu Zeiten der Gründung der Basalt AG im Jahre 1888 wichtige Motoren der Hartsteinindustrie im Linzer Raum. Die um die Jahrhundertwende errichtete Schmalspurbahn zum Abtransport der Steine zwischen den Betrieben, und schließlich nach Linz zur Rheinverladung war eine wichtige Vernetzung der Steinbrüche zum Rhein hin, der wiederum den Versand des Materials entlang des Rheins bis nach Holland sicherstellte. Mit dem Aufkommen der leistungsfähigen LKW-Technik wurden die Schienennetze, sowie auch eine Seilbahnanlage vom Mehrberg zum Rhein stillgelegt. So entstanden die ersten Industriebrachen in den Betrieben. Aufgelassene Gleiskörper und Seiltrassen wurden teils zu Waldwegen umfunktioniert, andere entwickelten sich durch Sukzession zu Wald. 

Mit der Stilllegung des Abbaukomplexes Mehrberg / Minderberg im Jahre 2010 ging hier nach vielen hundert Jahren eine lange Abbautätigkeit in einem der letzten Basaltsäulenbetriebe der Basalt AG zu Ende.

Mit der Stilllegung eines Steinbruches wandelt sich die Natur zu einem vielfältigen Biotop, das, bedingt durch die vorhandenen Rohböden, vielen Pflanzen und Tieren Möglichkeiten eröffnet, die die Natur nur selten bietet. Es entstehen Offenlandtypen die von Pionieren der Pflanzen- und Tierwelt besiedelt werden.

Trittsiegel vom Rotwild (Foto: Haardt)

Zu diesen Pionierarten kommen neben vielen Rote-Listen-Arten der Pflanzen- und Tierwelt auch bekannte heimische Tiere hinzu, die die Ruhe, die neuen Geländeformen, sowie die besondere Vegetation schnell in ihren Lebensraum integrieren. In diesem Artikel sollen die heimischen Wildarten, die im Steinbruch leben, beschrieben werden.

Die Flächen des Steinbruches Mehrberg liegen im Jagdrevier der Basalt AG. Mit der Jagdausübung hat der Jagdausübungsberechtigte auch die gesetzliche Pflicht der Hege in seinem Revier übernommen. Inhalt des Jagdrechts ist u.a. die Pflicht zur Hege gem. §3(2) Landesjagdgesetz RLP.: „Hege beinhaltet alle Maßnahmen, die die Entwicklung und Erhaltung eines den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten artenreichen und gesunden Wildbestand sowie Pflege und Sicherung seiner natürlichen Lebensgrundlagen zum Ziel haben.“

Innerhalb dieses sog. „Hegeauftrages“ kann sowohl die Rekultivierung, als auch die Renaturierung, begleitet und gefördert werden. Die Pflanz- und Rekultivierungspläne, daraus resultierend die Baumartenwahl und die Pflanzverbände, können neben naturschutzfachlichen und landespflegerischen Aspekten auch verschiedenen jagdlichen Aspekten dienen. Dabei geht es nicht um Maßnahmen zur Steigerung des Wildbestandes, sondern um Landschaftsgestaltung, in deren Rahmen das heimische Wild seinen Platz bekommt.

Vom Rehbock verfegte Robinie (Foto: Haardt)

Die größte heimische Wildart im unteren Westerwald ist das Rotwild (Cervus elaphus) das ehemals bevorzugt offene Landschaften wie zum Beispiel die Tundra besiedelte. Als sogenannter „Intermediärtyp“ nimmt es neben Eicheln, Bucheckern, Flechten, Moose und Heidekräutern auch Rinde und Knospen auf, die das breite Nahrungsspektrum des Rotwildes umfassen. Auf den Flächen des Mehrberges finden die Hirsche, Hirschkühe und Kälber ein Biotop an großen Freiflächen, gepaart mit einem besonderen Äsungsangebot. Dies ist in einem von einem kleinparzellierten Privatwald dominierten Lebensraum nötig, der oft dichtbestockt und ungepflegt kaum Nahrung am ausgedunkelten Boden bietet. Neben Gräsern und Kräutern sind auch viele Baum- und Straucharten im Steinbruch aus Sukzession vorhanden. Durch den Verbiss junger Ginstertriebe (Genista germanica), wie auch an der Verjüngung der Falschen Akazie (Robinia pseudoakazia), der Salweide (Salix caprea), oder auch der Sandbirke (Betula pendula), lenkt das Rotwild als Rudeltier die Verbuschung und teilweise Wiederbewaldung der ehemaligen Abbauflächen.

Gerade für die Gelbbauchunken ist das Zurückdrängen der Sukzession ein wichtiger Teil der Biotoppflege. Die Freiflächen der Abbausohlen bieten auch dem Wild einen Platz als Kinderstube. Nicht nur das Rotwild findet hier die Ruhe, seine Kälber zu bekommen, sie ungestört in den ersten Lebenswochen zu säugen und sie an ihre neue Umgebung zu gewöhnen. 

Der Jäger kann im Rahmen der Hege im Steinbruch auch die Jagd selbst ausüben. Die Freiflächen geben die Gelegenheit, die Zusammensetzung der Rudel zu studieren und dementsprechend den notwendigen Abschuss gemäß dem geltenden behördlichen Abschussplan innerhalb der zu beachtenden Jagdzeiten durchzuführen. Aus jagdlichen Aspekten ist ein stillgelegter Steinbruch immer ein wertvoller Bestandteil eines Jagdreviers.

Reh (Foto: Haardt)

Eine weitere Wildart im Steinbruch ist das Schwarzwild (Sus scrofa). Als Allesfresser findet es hier allerhand an Nahrung. Neben Larven, Schnecken und Würmern nimmt das Schwarzwild auch Wurzeln, Pilze oder Gras auf. Das Wühlen zur Nahrungssuche auf Halden und Wegerändern lassen eine Vielzahl an Samen keimen, die auf diese Weise den notwendigen Bodenkontakt bekommen. Neben den Rohbodenkeimern entsteht ein buntes Mosaik an Pflanzen. In Suhlen oder den ständig begangenen Wegen der Wildschweine, den sog. „Wechseln“, können sich häufig kleine Feuchtbiotope  entwickeln, deren Nutzer oft Lurche wie die Gelbbauch­unke (Bombina variegata) oder die Geburtshelferkröte (Alytes obstetricans) sind.Als kleinste Schalenwildart ist auch das Reh (Capreolus capreolus) zu nennen. Für das Reh sind besonders die aufkeimenden Baum- und Straucharten eine wichtige Futtergrundlage. Dadurch wird das Reh ein wichtiger Faktor, um die Sukzession zu lenken bzw. die Verbuschung zu steuern. Neben dem Verbiss der Knospen wird durch das „Fegen“ an jungen Bäumen ebenfalls das Gehölz im Wachstum gelenkt. Durch das Reiben des Rehgeweihs der Böcke zur Reviermarkierung, aber auch um im Frühjahr den Bast, die Wachstumshaut und die neuen Geweihstangen abzustreifen, werden junge Bäume mitunter zerschlagen. Manche Arten sterben ab, da die gesamte Rinde abgeschlagen wird. Andere reagieren mit Stockausschlägen, die erneut versuchen die Fläche zu besiedeln.

Kleingewässer als Biotop und Nahrungsgrundlage (Foto: Haardt)

Profiteure der Schalenwildbesiedlung sind die verschiedensten Kleinstlebewesen. Laufkäfer wie der Goldlaufkäfer (Carabus auratus) bevorzugen die sandigen Rohböden, Solitäre Wildbienen wie die Rotpelzige Sandbiene (Andrena fulva), graben zur Eiablage Gänge in die lehmigen Tuffwände, Bodenbrüter wie der Ziegenmelker (Caprimulgus europaeus), suchen diese ungestörten Bruthabitate, oder die schon genannten Lurche. Sie besiedeln die zeitweise trockenfallenden Kleingewässer, die sich in Fahrspuren oder Suhlen bilden. Alle benötigen dauerhaft offene Rohböden. Durch die gelenkte Verbuschung verbleiben offene Steilwände oder auch Felswände frei von Bewuchs, oder verbuschen sehr langsam. Der Uhu (Bubo bubo) braucht offene Felswände, um den Horst frei anfliegen zu können. Das Offenland dient ihm natürlich auch als Jagdhabitat, um Mäuse, Jungwild, Hasen oder Füchse schlagen zu können. Auf den angrenzenden Bäumen findet man auch andere Greifer. Vor allem den Mäusebussard (Buteo buteo), der ebenfalls hier jagt. Weiter zu nennen sind der Rotmilan (Milvus milvus) und der Turmfalke (Falco tinnunculus). Ein weiterer Gast im Bruch ist der Schwarzstorch (Ciconia nigra). Der scheue Vogel jagt hier in Ruhe und bedient sich des Offenlandes als Nahrungsquelle, um in den angrenzenden Niederwäldern die Brut zu versorgen. 

In dem Miteinander der ersten Besiedler auf den Steinbruchsohlen erfüllen alle Tierarten eine Aufgabe, die der Erschließung dieses zunächst kargen Bodens dienlich ist. Durch das Schalenwild wird unter anderem Dung in Form von Kot eingetragen. Dieser ist die Nahrungsgrundlage für den Mistkäfer (Anoplotrupes stercorosus). Seine Anwesenheit, wie die der anderen Laufkäfer, dient den Fledermäusen als Nahrungsgrundlage bei ihren nächtlichen Streifzügen.

Großes Mausohr (Foto: G. Hahn)
Uhu (Foto: G. Hahn)

Vorkommende Arten sind zum Beispiel das Große Mausohr (Myotis myotis) und die Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus). Das Große Mausohr sammelt Laufkäfer vom Boden auf, die Zwergfledermaus auf dem naheliegenden See Mücken, Köcherfliegen oder Nachtfalter. Die extensive Waldwirtschaft um den Bruch enthält Höhlenbäume und verschiedene Baumarten, die einen bunten Waldsaum um den stillliegenden Bruch bilden.

Abschließend betrachtet finden viele heimische Tierarten mit ihren Biotopansprüchen in einem aufgelassenen Steinbruch beste Lebensbedingungen. Diese wiederum beeinflussen die Entwicklung der Folgelandschaft eines Steinbruches sehr positiv.

Der Autor

Markus Haardt

Geboren 1969, 3-jährige Ausbildung zum Forstwirt, ab 1992 Forststudium bei der Bez.- Reg. Koblenz, und an der FH Rottenburg am Neckar, 1996 Abschluss als Dipl.-Ing. (FH) Forstwirtschaft. Seit 1998 Revierförster bei der Basalt AG.
Aufgaben: Forstbetrieb, Liegenschaftsverwaltung und Rekultivierung

Standort