Hinterplag

Ein wertvoller Landschaftsbestandteil mit vielfältigen Lebensformen

  • Abb. 1: Basaltsäulen im aufgelassenen Steinbruch Hinterplag (Foto: Robert Klein)
    Abb. 1: Basaltsäulen im aufgelassenen Steinbruch Hinterplag (Foto: Robert Klein)
  • Abb. 6: Bestand von Geflecktem Knabenkraut (Dactylorhiza maculata agg.) in der westlichen Steinbruchsohle (Foto: Paul Bergweiler)
    Abb. 6: Bestand von Geflecktem Knabenkraut (Dactylorhiza maculata agg.) in der westlichen Steinbruchsohle (Foto: Paul Bergweiler)
  • Abb. 2: Steinbruch Hinterplag aus der Vogelperspektive (Foto: Hans-Rainer Geiermann)
    Abb. 2: Steinbruch Hinterplag aus der Vogelperspektive (Foto: Hans-Rainer Geiermann)
  • Abb. 9: Prächtig gefärbtes Männchen der Zauneidechse (Lacerta agilis) im Frühjahr (Foto: Robert Klein)
    Abb. 9: Prächtig gefärbtes Männchen der Zauneidechse (Lacerta agilis) im Frühjahr (Foto: Robert Klein)

Basaltkegel, Werksgelände, Lebensraum

Als am Hinterplager Kopf vor ca. 25 Millionen Jahren flüssige Lava durch Spalten in der Erdkruste nach oben drang und an der Oberfläche erkaltete, bildeten sich die charakteristischen Basaltsäulen. Ähnlich wie bei einer austrocknenden Lehmschicht, die durch Schrumpfung des Materials wabenförmige Risse bildet, pflanzen sich solche Schrumpfungsrisse auch in einer abkühlenden Basaltmasse von der Oberfläche langsam nach unten fort und zwischen den Rissen entstehen die typischen Säulen – in Hinterplag besonders schön ausgeprägt (Abb. 1, Seitenkopf u. Abb. 3)

Abb. 3: Basaltsäulen im östlichen Teil des Steinbruchs Hinterplag. Das Foto zeigt die Belegschaft im Jahre 1926. (Foto: Archiv Robert Klein)

Die guten Eigenschaften dieses Gesteins wie Druckfestigkeit und Unempfindlichkeit gegen Verwitterung bewirkten, dass der Basalt in der Region schon vor dem Jahre 1600 für Fundamente und Kellerbau genutzt wurde. Sein hohes spezifisches Gewicht verhinderte aber Transporte über weite Strecken. Ab 1892 führten sowohl die Transportmöglichkeit per Eisenbahn als auch die steigende Nachfrage für Eisenbahntrassen-, Straßen- und vor allem Deichbau dazu, dass der Abbau auch für Hinterplag wirtschaftliche Bedeutung erlangte.

Nach wiederholter Stundung und Fortführung der Abbautätigkeit wurde der Betrieb Mitte der Achtzigerjahre endgültig stillgelegt. Der Steinbruch schien nunmehr sich selbst überlassen. Mitglieder des wenige Jahre zuvor gegründeten Arbeitskreises Natur- und Umweltschutz Asbacher Land (ANUAL) stellten dann 1988 fest, dass mit Beginn der planmäßigen Rekultivierung (Verfüllung und Aufforstung) wertvolle Amphibien-Laichgewässer der Steinbruchsohle verschwunden waren. Der ANUAL bemühte sich in der Folge um eine genauere Erfassung von Flora und Fauna im Steinbruchgelände.

Aufgrund der beeindruckenden Lebensvielfalt auf kleinem Raum ließen sich die Eigentümerin BAG, die Ortsgemeinde Asbach, die Untere Landespflegebehörde des Kreises Neuwied und schließlich auch die Landesstiftung Natur und Umwelt überzeugen, dieses wertvolle Biotop künftig zu schützen und weiterzuentwickeln. Mit Mitteln der „Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz“ und vieler örtlicher Sponsoren wurde der ANUAL schließlich 2003 Eigentümer des Steinbruchs Hinterplag (Abb. 2, Seitenkopf). 

Abb. 4: Der Blick aus der Steinbruchsohle auf die östlichen Felsformationen vermittelt einen Eindruck von der Vielfalt der Lebensräume. (Foto: Hans-Rainer Geiermann)
Abb. 5: Frischer Felssturz. Die Geröllhalde links im Bild ist schon viele Jahre alt und mit unterschiedlichen Pflanzen besiedelt.

Bei der Pflege und Weiterentwicklung des Gebiets berücksichtigt der ANUAL vor allem die steinbruch-typischen Besonderheiten. Während die Landschaft des vorderen Westerwaldes mit einem lockeren Mosaik von Wäldern, Wiesen, Feldern und Siedlungen ansonsten eher sanft hügelig ist, bietet der Steinbruch völlig andersartige Biotope: schroffe Felsen, Geröllhalden, nährstoffarme und steinige Böden und als Gegensatz dazu staunasse Bereiche in der Steinbruchsohle (Abb. 4).

Dies alles verblieb durch die noch nicht lang zurückliegende Bewirtschaftung ohne dichte Vegeta­tion, sodass die Sonnenstrahlung vielerorts ein mediterranes Kleinklima schafft.

Zu dieser Vielfalt an Lebensbedingungen tragen auch unterschiedliche „Störungen“ wie z. B. Felsstürze bei (Abb. 5), die sowohl an der Felswand als auch auf der resultierenden Geröllhalde sogenannten „Pionierarten“ Lebensraum bieten. Solche Störungen werden – z. B. durch Gehölzschnitt – z. T. bewusst eingebracht. Folglich siedeln sich vor allem wärmeliebende Pflanzen und Tiere an, von denen einige exemplarisch auf den folgenden Seiten näher vorgestellt werden. 

Die Pflanzenwelt

Abb. 7: Echtes Tausendgüldenkraut (Centaurium erythaceae), ein Enziangewächs und Heilpflanze des Jahres 2004, wächst an mehreren Standorten im Steinbruch. (Foto: Robert Klein)

Eine Besonderheit der Steinbruchflora stellt der große Bestand an Geflecktem Knabenkraut dar. Etliche hundert Exemplare dominieren für einige Wochen im Frühsommer die Blütenpracht dieses Standorts (Abb. 6, Seitenkopf).

Der Wert des Lebensraums im Steinbruch Hinterplag lässt sich jedoch nicht nur am Vorkommen vieler Arten der Roten Liste bemessen. Entscheidend ist vielmehr, dass der Steinbruch Hinterplag mit seinen unterschiedlichen Biotoptypen auf nur 4 ha 223 Arten höherer Pflanzen beherbergt. Das sind praktisch ebenso viele, wie Claus Mückschel im Jahr 2000 im mehr als viermal so großen Steinbruch Hummelsberg (224 Arten, 17 ha) fand. Die Vielfalt auf kleinstem Raum ist also die eigentliche Besonderheit, womit letztlich auch die Schutzwürdigkeit des Steinbruchs begründet werden konnte. 

Reptilien

Als klassische wärmeliebende Arten haben vor allem auch die Reptilien den Steinbruch als Lebensraum entdeckt. Drei Eidechsenarten, nämlich die Wald- oder Bergeidechse (Abb. 8), die Zauneidechse (Abb. 9, Seitenkopf) und die beinlose Blindschleiche (Abb. 10), finden sich häufig im Gelände. In diesem Beitrag sollen jedoch die Schlangen vorgestellt werden, die durch die Ringelnatter und die Schlingnatter vertreten sind.

Abb. 8: Wald- oder Bergeidechse (Zootoca vivipara), die als lebendgebärende Art jedoch auch kühlere Standorte besiedeln kann
Abb. 10: Zwei Blindschleichen (Anguis fragilis). Neben den hier abgebildeten kupferfarbenen kommen auch eher graue Exemplare vor. (Foto: Peter Schmidt)
Abb. 11: Ringelnatter (Natrix natrix) beim Sonnenbad. Deutlich sind die markanten Flecken am Hinterkopf zu sehen. Die trüben Augen deuten auf eine bevorstehende Häutung hin. (Foto: Peter Schmidt)

Die Ringelnatter

Die gelben halbmondförmigen Flecken beidseits des Hinterkopfes machen die Ringelnatter praktisch unverwechselbar. Die Grundfarbe ist üblicherweise grau oder bräunlich mit unterschiedlich ausgeprägter, aber immer nur kleiner Fleckung an Flanken oder Rücken. Über die maximale Länge gehen die Literaturangaben auseinander; am Steinbruch Hinterplag sind jedenfalls Exemplare von mindestens 130 cm Länge zu beobachten (Abb. 11).

Die Ringelnatter liebt offene oder halboffene Lebensräume und ist häufig im Wasser anzutreffen. Dies mag sicher mit ihrer Vorliebe für Frösche und Molche zusammenhängen, die neben Mäusen und Eidechsen zu ihrer bevorzugten Nahrung zählen.

Die Ringelnatter ist im Steinbruch Hinterplag als häufig zu bezeichnen; so kann man bei einer Rundwanderung – mit geübtem Blick und geeignetem Wetter – durchaus bis zu zehn verschiedene Exemplare beobachten. Vor allem die zahlreichen Kleingewässer, die von unterschiedlichsten Amphibienarten als Laichplatz genutzt werden, sind vermutlich der Grund für eine solche Populationsdichte.

Abb. 12: Ein kleineres Exemplar der Schlingnatter (Coronella austriaca). Die charakteristische Kopfzeichnung ist auf diesem Bild gut zu erkennen. (Foto: Peter Schmidt)

Die Schlingnatter

Während man die Ringelnatter vor allem bei ihrer Jagd im Wasser häufiger sehen kann, bleibt die Schlingnatter dem Beobachter meist verborgen. Selbst ihre Sonnenbäder nimmt sie gerne indirekt – z. B. unter angewärmten Steinen. Die Schlingnatter ist weitverbreitet und gar nicht so selten, kann aber aufgrund ihrer Lebensweise kaum beobachtet werden. Die graue Schlange hat auf dem Rücken dunklere Flecken, die sich auf beiden Seiten abwechseln. Dieses Muster erinnert an eine undeutliche Kopie des Zickzackbandes der Kreuzotter und kann zu Verwechslungen führen. Für den aufmerksamen Betrachter sind die markante dunkle Binde von der Schnauzenspitze über das Auge zum Mundwinkel bis zum Hals, der wenig abgesetzte Kopf und die runden Pupillen jedoch eindeutige Merkmale, dass es sich hier um eine Schlingnatter handelt (Abb. 12).

Die Schlingnatter bleibt mit ca. 45 bis 65 cm deutlich kleiner als die Ringelnatter. Aufgrund der versteckten Lebensweise wäre es unseriös, Angaben zur Populationsgröße zu machen. Es werden aber immer wieder Exemplare unterschiedlicher Größe gesichtet, was auf eine stabile Population hinweist. Schaut man sich die Charakterisierung des klassischen Lebensraums der Schlingnatter an – nämlich ein Wechsel von vegetationsarmen Flächen mit solchen unterschiedlich dichter und hoher Vegetation sowie Strukturelementen wie z. B. Baumstubben oder Steinhaufen – so verwundert es nicht, dass diese Schlangenart im Steinbruch Hinterplag heimisch geworden ist.

Abb. 13: Wasserfledermäuse bei der Paarung. Das Männchen unterbricht seinen Winterschlaf, um im Stollen nach Weibchen zu suchen. Das Weibchen speichert das Sperma bis zum Frühjahr und die Eizellen werden zu einem Zeitpunkt befruchtet, sodass die Jungen passend zum Nahrungsangebot im Spätfrühling zur Welt kommen. (Foto: Rolf Klenk)

Fledermäuse

Eine besondere Aufmerksamkeit widmet der ANUAL – nicht zuletzt durch das besondere Engagement seines Vorsitzenden Robert Klein – den Fledermäusen. Der durch beständige Pflege erreichte Offenlandcharakter des Steinbruchs, seine vielfältigen Biotope und damit sein reichhaltiges Insektenleben machen ihn zu einem idealen Jagdrevier für unterschiedliche Arten von Fledermäusen. Und bei der Jagd machen die Fledermäuse ganz nebenbei noch eine weitere Entdeckung: Ein Stollen, bereits vor dem Jahr 1890 ca. 200 m tief zu Erkundungszwecken in den Berg getrieben, erweist sich als ideales Winterquartier. Sechs verschiedene Arten nutzen den Stollen regelmäßig als Winterquartier (siehe Tabelle).

ArtDeutscher NameRote Liste 
Myotis bechsteini Bechsteinfledermaus 2
Myotis daubentoni Wasserfledermaus 3
Myotis mystacinus/brandti Gr./kl. BartfledermausG/2
Myotis myotis Großes Mausohr 2
Myotis nattereri Fransenfledermaus 3
Plecotus auritus Braunes Langohr 2
Fledermausarten im Stollen Hinterplag und ihr Gefährdungsgrad gemäß Roter Liste

Die Entwicklung des Fledermausbestandes im Bereich des Steinbruchs ist erfreulich. Seit der Stollen im Jahr 1991 vergittert wurde und damit Störungen durch unbefugte Besucher ausgeschlossen wurden, wird eine steigende Anzahl von überwinternden Exemplaren festgestellt. Ein besonderes Erlebnis hatte der Verfasser zusammen mit Robert Klein, als bei der Winterkontrolle 1996/1997 eine Paarung zweier Wasserfledermäuse beobachtet werden konnte (Abb. 13).Es wäre hochinteressant, auch die Arten sicher zu bestimmen, die den Steinbruch als Jagdrevier nutzen. Leider verfügt der ANUAL (noch) nicht über die nötige Ausrüstung, um eine störungsfreie Bestimmung über die Ultraschallfrequenzen durchführen zu können.

Jede Art weist ein spezifisches Stimmmuster auf, das aufgenommen und auf dem Computer als sogenanntes „Sonargramm“ sichtbar gemacht werden kann. Damit lassen sich viele Arten auch während des Sommers nachweisen. Die Artenvielfalt der Fledermäuse ist im Steinbruch Hinterplag vermutlich deutlich höher, als es die winterlichen Nachweise im Stollen vermuten lassen. Darauf deuten zumindest einige Netzfänge mit Fledermausexperten hin, die in vergleichbaren Biotopen der Region durchgeführt wurden.

Ausblick

Abb. 14: Besuchergruppe im Steinbruch (Foto: Robert Klein)

Inzwischen ist der Steinbruch Hinterplag eine neue feste Größe der Gemeinde. Er wird eingebunden in touristische Konzepte wie z. B. dem Basaltwanderweg. Sein ökologischer Wert – vor einigen Jahren durchaus kontrovers diskutiert – steht heute bei der überwiegenden Mehrheit von Bürgern und Entscheidungsträgern außer Frage. Die positive Entwicklung des ANUAL als Eigentümer – insbesondere das Engagement vieler jüngerer Mitglieder – lässt uns hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Ein wertvoller Landschaftsbestandteil mit vielfältigen Lebensformen konnte durch Mobilisierung der entscheidenden Akteure und Bündelung ihrer Kräfte erhalten werden.

Durch ein geeignetes Besucher-Lenkungskonzept können interessierte Bürger diesen vielfältigen Lebensraum erwandern (Abb. 14, Seitenkopf).Der Steinbruch Hinterplag war schon während seiner Nutzung äußerst wertvoll für die Menschen vor Ort – sein Wert für die Zukunft wird von immer mehr Mitbürgern erkannt. Es ist also eine echte Erfolgsgeschichte – für die Bürger der Gemeinde, für den ANUAL, für die BAG und nicht zuletzt für das vielfältige Leben vor Ort. Es ist wohl das Beste, was ein Steinbruch erleben kann.

Der Autor

Dr. Paul Bergweiler

geboren 1954 in Olpe, Abschluss des Biologiestudiums mit Promotion in Köln 1987, Leiter des Bereichs „Umwelt, Kultur, Nachhaltigkeit“ im Projektträger des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Mitglied des ANUAL und in Arbeitskreisen zum Schutz von Eulen und Fledermäusen

Standort