Gravenhorst

Artenvielfalt im Sandsteinbruch Gravenhorst

  • Felswand (Foto: Glöckner)
    Felswand (Foto: Glöckner)
  • Mit der Breitblättrigen Stendelwurz konnte 2005 eine Orchidee für das Gebiet nachgewiesen werden. Das Vorkommen des Großen Zweiblatts, einer weiteren Orchideenart, ist aus früheren Jahren bekannt. (Foto: Glöckner)
    Mit der Breitblättrigen Stendelwurz konnte 2005 eine Orchidee für das Gebiet nachgewiesen werden. Das Vorkommen des Großen Zweiblatts, einer weiteren Orchideenart, ist aus früheren Jahren bekannt. (Foto: Glöckner)

Der „Steinbruch Gravenhorst“ (Kreis Steinfurt, Nord­rhein-Westfalen) ist ein aufgelassener Sandsteinbruch der Hollweg, Kümpers & Comp. KG, einer Tochtergesellschaft der Basalt AG, der 1998 u. a. aus geologischen und naturwissenschaftlichen Gründen sowie aufgrund der Bedeutung für Tier- und Pflanzenarten der Feld- und Magerstandorte als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde.

In dem 1.100 m langen und 80 bis 120 m breiten Steinbruch wurden 1968 letztmalig Arbeiten durchgeführt und ein Großteil der Fläche ist inzwischen auch ohne Aufforstungsmaßnahmen wieder mit einem Kiefern-Mischwald bestanden. Im Nordwesten des Gebietes ist eine größere offene Flächen zu finden, auf der erst im Jahr 2004 die Firmengebäude entfernt wurden. In diesem Bereich hat sich ein ca. 1.000 m² großer Flachwassersee gebildet, der überwiegend aus einer randlich gelegenen Quelle gespeist wird. Seit seiner Stilllegung 1968 wurde der Steinbruch Gravenhorst seiner natürlichen Entwicklung überlassen (Sukzession).

Im Gegensatz zu einer Rekultivierung, bei der Steinbrüche einer bestimmten, meist forstlichen Nutzung durch das Aufbringen von Humusböden und einer gezielten Bepflanzung zugeführt werden, konnte sich im Gravenhorster Steinbruch durch das Sich-selbst-Überlassen ein Mosaik verschiedener Lebensräume ausbilden. Je nach Hangneigung, Exposition und Wasserversorgung entstanden die unterschiedlichsten Lebensräume mit ihrer jeweils darauf spezialisierten Tier- und Pflanzenwelt.Im Folgenden sollen die verschiedenen Lebensräume und die sie bedingenden Faktoren kurz vorgestellt werden. Dabei wird auch auf deren Wertigkeit für die Natur einschließlich der dort vorkommenden Tier- und Pflanzenarten eingegangen.

Magerflächen

Sommerform des Landkärtchens (Foto: Glöckner)
Bienenweide und zudem hübsch anzusehen: die Heideflächen auf ehemals nacktem Rohboden (Foto: Glöckner)

In der Mitte und im Südosten des Steinbruchs Gravenhorst ist auf kleineren Freiflächen die Besenheide zu finden, die im Herbst mit ihren kräftig rosafarbenen Blüten dominiert. Die Besenheide, die auch als Heidekraut bekannt ist, ist ein typischer Magerkeitszeiger, der eine geringe Nährstoffversorgung im Boden anzeigt. In unserer weitestgehend intensiv genutzten Landschaft sind derartige nährstoffarme Lebensräume inzwischen eine Seltenheit geworden.

Ob Magerrasen, Heiden oder nährstoffarme Bäche und Seen – diese Biotoptypen sind seit der Einführung des Kunstdüngers und bedingt durch die Industrialisierung mit den daraus resultierenden hohen Nährstoffeinträgen aus der Luft zu Raritäten in Mitteleuropa geworden.

Gerade in diesen Lebensräumen finden sich die arten- und blütenreichsten Lebensgemeinschaften Mitteleuropas! Ursprüngliche Magerflächen sind fast nur noch dort anzutreffen, wo sich eine land- oder forstwirtschaftliche Nutzung aufgrund der Größe der Fläche nicht rentiert oder eine Bewirtschaftung aufgrund der Hanglage und einer zu geringen Humusauflage unmöglich ist. Der Steinbruch Gravenhorst bietet mit seinen offenen Böden einen Ersatzlebensraum für typische Magerkeitszeiger.

Solange sich keine bedeutende Humusschicht ausgebildet hat, bleiben diese Flächen nährstoffarm und die blütenreichen „Hungerkünstler“ können sich hier sehr viel eher gegen ihre nährstoffliebende Konkurrenz behaupten, als das auf den stark gedüngten Fettwiesen und Ackerrandbereichen der Fall ist.

Vom Heidekraut profitieren viele Insekten, insbesondere Hummeln, Wild- und Honigbienen sowie eine Vielzahl von Tag- und Nachtfalterarten. Im äußersten Südwesten des Steinbruchs hat sich eine ca. 20 x 30 m große Fläche einer sogenannten „Feuchtheide“, also einer mageren Heidefläche mit guter Wasserversorgung, eingestellt. Auf ihr ist die im Weserbergland als stark gefährdet einzustufende Erika oder auch Glockenheide zu finden. Weitere Magerkeitszeiger wie das Pfeifengras, welches früher traditionell zum Reinigen von Pfeifen verwendet wurde, sind dort ebenfalls anzutreffen.

Temperaturextreme

Die Waldeidechse flieht auch mal durch das Wasser. (Foto: Glöckner)

Eine weitere Besonderheit in Steinbrüchen sind jene Bereiche, die sich aufgrund einer fehlenden Beschattung durch Pflanzenwuchs und durch die Sonneneinstrahlung auf die offenen Rohböden zu Wärmeinseln entwickeln. Für Pflanzen und Tiere hat dies zweierlei Vorteile: Zum einen führt die verstärkte Wärmeeinstrahlung zu einer verlängerten Vegetationsperiode, da die Pflanzen im Frühjahr eher austreiben können. Zum anderen siedeln sich dort wärmeliebende, zum Teil südländische Arten an, die aufgrund der kleinklimatischen Wärmebedingungen nur hier ein Zuhause finden.

Im nordwestlichen Areal des Steinbruchs Gravenhorst begann aufgrund der lange Zeit bestehenden Gebäude die Vegetationsentwicklung erst später. Derzeit besteht dieser Bereich aus einer ca. 150 x 30 m großen Schotterfläche, die mittig von einer ca. 1.000 m² großen Wasserfläche überdeckt ist. Auch diese vegetationsarme Rohbodenfläche heizt sich durch die Sonneneinstrahlung sehr viel stärker auf, als dies in der den Steinbruch umgebenden Landschaft der Fall ist. Im Gravenhorster Steinbruch profitieren insbesondere Eidechsen und Insekten wie Heuschrecken, Bienen und Schmetterlinge von den warmen Rohbodenflächen.

Ähnliche Wärmeverhältnisse gelten auch für die kargen Felswände, die mit Temperaturschwankungen von bis zu 60° C zwischen Tag und Nacht noch extremere Klimate aufweisen als die ebenen Rohböden. Sie sind Aufenthaltsort für nur wenige, dafür aber hoch spezialisierte Arten, die neben den mikroklimatischen Verhältnissen auch mit nährstoffarmen, teilweise senkrechten Wänden zurechtkommen müssen. Moose und Flechten siedeln sich in solchen Fällen als Erstes an und sind häufig über Jahrzehnte die einzigen Besiedler.

Wasser

An diesem Gewässer konnte auch ein kurzer Aufenthalt des Eisvogels beobachtet werden, der dort mit Molch- und Libellenlarven, Kaulquappen und Wasserinsekten seinen Nahrungsbedürfnissen nachkommen kann. (Foto: Glöckner)

Der Gravenhorster Steinbruch bietet mit dem bereits erwähnten Flachwassersee einen ganz besonderen Lebensraum. Aufgrund der geringen Tiefe und der marginalen Beschattung durch umgebende Bäume heizt sich das nährstoffarme, aus einer randlich gelegenen Quelle austretende Wasser recht schnell auf. Davon profitieren Libellen und andere Insekten, deren Larven sich im Wasser entwickeln und die sich aufgrund der hohen Temperaturen und der ausbleibenden Nachstellung durch Fische optimal entwickeln können.

Neben diesem relativ großen Flachwassersee finden sich im Gebiet an verschiedenen Stellen kleinere wasserführende Becken unterschiedlicher Tiefe und Beschattung, die zumeist ebenso aus frischem Quellwasser gespeist werden. Die Wasserflächen sind die Kinderstuben der Berg- und Teichmolche, Erdkröten, Grün- und Grasfrösche im Gebiet.

 In den „älteren Bereichen“ des Steinbruchs, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt werden, treten ebenfalls an verschiedenen Stellen kleine Quellwasser zu Tage. Diese Kleingewässer sind im Laufe der Zeit verlandet; es haben sich Feuchtwiesen ausgebildet und teilweise sind auch Torfmoose zu finden. Diese Moose sind der erste Schritt zur Entwicklung eines Moores, da sie große Mengen Wasser speichern können.

Mechanische Störungen

Auch wenn der Begriff „Störung“ negativ besetzt ist, so ist er dennoch wichtigster Einflussfaktor auf die Gestaltung und Beibehaltung vieler wertvoller Lebensräume. Mechanische Störungen wirken der Sukzession und damit einer Entwicklung zum Wald entgegen. Neben natürlichen Störungsereignissen wie Beweidungen durch Wildtiere oder weitreichende Überschwemmungen hat v. a. der Mensch immer wieder neue Habitate durch seine Bewirtschaftungsweisen geschaffen.

Daran haben sich viele in Mitteleuropa lebende Tiere angepasst und benötigen nun die durch Störungen geschaffenen offenen Flächen zum Überleben. Deshalb zielen in Deutschland betriebene Naturschutzmaßnahmen häufig darauf ab, die fortschreitende Sukzession zu unterbrechen oder in ein früheres Stadium zurückzuführen. Hierdurch beginnt die Besiedlungsreihe von Neuem und es können sich Pionierarten ansiedeln, die auf eine offene Umgebung angewiesen sind.

Steinbrüche ermöglichen durch ihre Rückführung auf den nackten Rohboden und die über mehrere Jahre dauernde schrittweise Abbautätigkeit ein Nebeneinander verschiedener Sukzessionsphasen, wodurch ein Mosaik unterschiedlicher Lebensräume entsteht (s. Lebensraumvielfalt und Wärmeinseln). Auf der Talsohle des Gravenhorster Steinbruchs hat eine zeitweise Nutzung mit schweren Fahrzeugen die Sukzession verzögerter ablaufen lassen und zugleich den Boden verdichtet. Als Folge davon haben sich in den entstandenen staunassen Fahrspuren Torfmoose angesiedelt.

Lebensraumvielfalt

Er nutzt den Ausblick von den neu geschaffenen Felswänden: der Uhu. (Foto: Gisbert Lütke)

Stillgelegte Steinbrüche, die wie der Gravenhorster Steinbruch nicht rekultiviert wurden, bieten mit ihren vielfältigen, mosaikartig verteilten Strukturen und Kleinstlebensräumen einer Fülle von Pflanzen und Tieren einen Ersatzlebensraum. Neben Steilwänden, Felsspalten, Höhlungen, Geröllhalden, Heiden, Verbuschungszonen und Vorwaldstadien sind Quellen, Feuchtflächen und flache, z. T. trockenfallende Kleingewässer zu finden. Dieses kleinräumige Nebeneinander ist die Ursache für die Artenvielfalt und die naturschutzfachliche Bedeutung sich selbst überlassener Steinbrüche.

In dieser Biotopvielfalt lebt mit dem König der Nacht, dem Uhu, die größte europäische Eule, die im Jahr 2003 im Gravenhorster Steinbruch erfolgreich gebrütet hat. Für eine ungestörte Aufzucht ist der Uhu überwiegend auf Felsnischen als Brutplatz angewiesen, in denen er unbehelligt von Fuchs und Marder seine Jungen großziehen kann. Für die Jagd benötigt er eine offene und reich strukturierte Landschaft mit verschiedenen Grünlandflächen, Waldrändern und Wasserflächen. Der Gravenhorster Steinbruch dient ihm zumindest gelegentlich als Brut- und Jagdbiotop. Ohne die Existenz dieses und eines benachbarten Steinbruchs wäre dieser imposante Vogel nicht in der Gegend zu beobachten.

Bemerkenswert ist die Beobachtung des Großen Schillerfalters, der zur Balz in die Kronenregion hoher, alter Bäume wie z. B. der Eiche fliegt und sich dort auch verpaart. Er ist eine typische Waldart, die zur Eiablage auf das Vorkommen von Weiden, insbesondere der Salweiden, angewiesen ist, aber offene Bodenbereiche zur Nahrungsaufnahme benötigt. Dieser Falter wäre in einem geschlossenen Forstbestand nicht zu finden. 

Gesamtbetrachtung

Auch die Erdkröte profitiert von dem Nebeneinander älterer Kleingewässer und strukturreicher Wälder. (Foto: Glöckner)

Das NSG Steinbruch Gravenhorst ist wie viele andere Steinbrüche, ein naturschutzfachlich bedeutsamer Lebensraum. Bei der Gesamtbetrachtung aller bisherigen Untersuchungen des Gebietes konnten über 150 Pflanzenarten, 55 Vogelarten und mehr als 50 weitere Tierarten beobachtet werden. Der Steinbruch hat sich aufgrund seines Strukturreichtums, der verschiedenen Biotope und insbesondere aufgrund der offenen, nährstoffarmen Bereiche und der Wasser- und Sumpfflächen zu einem wichtigen Refugium unserer einheimischen Arten entwickelt.

Einige der dort lebenden Tier- und Pflanzenarten sind in der zumeist intensiv genutzten Umgebung nur noch selten anzutreffen, sodass ein Erhalt dieser „Lebensräume aus zweiter Hand“ zur Bestandssicherung der vorhandenen Populationen wichtig ist. Für den Menschen bietet das Gebiet mit seinen Spazierwegen und den Aussichtspunkten oberhalb des Steinbruchs eine angenehme Abwechslung zur umgebenden Landschaft und einen naturkundlich interessanten und ästhetisch ansprechenden Ort der Erholung.

Auch bei einem kleineren Betrachtungsausschnitt kann sich der Besucher am Treiben in den Gewässern, dem Blütenreichtum auf den Magerwiesen, den vielfältigen Insekten und den Rufen von Uhu und Wasserfröschen erfreuen.

Der Autor

Martin A. Glöckner

geboren 1971 in Braunschweig, Studium der Agrarökologie (Rostock) und der Landschaftsökologie, Pädagogik und Kommunikations-wissenschaften in Münster, studienbegleitendes und anschließend hauptberufliches Engagement in der medialen Umweltkommunikation und Umweltbildung, seit 2006 Projektleiter der Landschaftsführerausbildung am Niederrhein und Fundraiser für die NABU-Naturschutzstation e. V.

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